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Der Schleier im Islam PDF Drucken E-Mail
Schleier - Schleier im Islam
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 03. Februar 2011 um 19:49 Uhr

Unter islamischen Gelehrten gibt es verschiedene Standpunkte im Hinblick auf die Bedeutung des Schleiers im Islam, gerade auch in der Frage, ob er von muslimsichen Frauen denn nun getragen werde solle oder nicht.

Manche sagen, er sei empfehlenswert bzw. ein Ausdruck der Gottesliebe, andere sagen, er sei eine Pflicht und wieder andere sagen, er sei verboten.

Soweit mir die islamischen Rechtsschulen vertraut sind, ist die Haltung der klassischen Gelehrten eher die, daß die Verschleierung der muslimischen Frau empfehlenswert ist.

Wichtig ist mir der Hinweis, daß jede der Auslegungen durchaus ihre Berechtigung hat und keine als "unislamisch" bezeichnet werden darf - schon gar nicht von Außenstehenden, wie es leider oft geschieht.

Niemand sollte im Hinlick auf den Schleier sagen, "der Islam lehrt, daß..."; denn den einen Islam und die eine Auslegung gibt es nicht. Nach unserem freiheitlichen Verständnis hat ohnehin jeder Mensch die Deutungshoheit über seinen Glauben inne und muß diesen nicht an Religionsgemeinschaften, Theologen oder einen "Konsens der Gläubigen" delegieren. Wir respektieren das Gewissen des Individuums und gestehen ihm das Recht zu, seinen Glauben frei zu gestalten und in Lehre und Praxis zu entfalten.

Leider tendieren wir hierzulande manchmal dazu, bei den Christen die Haltung der "Volkskirche" zur Richtschnur des Christentums zu machen - und mittlerweile auch dazu, dies bei den Muslimen mit einer Art "Volksislam" so zu handhaben. In beiden Fällen wird die Individualität des Gläubigen ad acta gelegt, wird sein Recht, auch unabhängig von Mehrheiten zu glauben, verletzt. Dieses Recht ist aber in der Menschenwürde verankrt und als solches nicht antastbar.

In jedem Fall sollten sich Christen in solche Fragen nicht einmischen - schon gar nicht Partei für oder gegen den Schleier ergreifen oder die Muslime belehren wollen. Das gilt auch für Politiker, Journalisten, Islamwissenschaftler usw.

Es ist also so, daß es unter Muslimen keine einheitliche Haltung zur Verschleierung der Frauen gibt. Wir haben verschiedene Strömungen in Deutschland (ich verstehe hier unter "Muslimen" Menschen muslimischen Hintergrundes, nicht ausschließlich religiöse Muslime):

  • Die große Mehrheit der Muslime, die weder Kopftuch oder Schleier befürworten (hier finden sich nicht nur gläubige Muslime und die Mehrzahl der Aleviten, sondern auch beispielsweise ehemalige Muslime, nicht religiös praktizierende Muslime usw. - schätzungsweise zwei Drittel der Muslime)
  • Die starke Minderheit der Muslime, die das Kopftuch befürwortet, aber die Verhüllung von Gesicht, Händen und Füßen nicht befürwortet (hier finden sich die meisten religiösen und sehr religiösen Muslime - schätzungsweise ein Drittel der Muslime)
  • Die kleine Minderheit der Muslime, die eine Verhüllung des Kopfes einschließlich des Gesichtes und oft auch der Hände und Füße befürworten (schätzungsweise 10 - 25.000 Muslime, darunter geschätzte 4 - 6.000 verschleierte Frauen - bis ca. 0,6 % der Muslime und bis ca. 2 % der religiösen bzw. sehr religiösen Muslime)

Die Zahlenangaben für die dritte Strömung beruhen auf Schätzungen. Interessant ist, daß zur dritten Strömung relativ viele Konvertiten gehören (schätzungsweise jede dritte verschleierte Frau ist eine Konvertitin).

Betrachtet man den Islam weltweit, so ist die Zahl der Befürworter des Schleiers deutlich höher als in Deutschland mit seinem stark von der türkischen Religiosität geprägten Islam.

Eine ganze Reihe von theologischen oder "erbaulichen" Schriften, die in gedruckter oder digitaler Form vorliegen, befürworten die Verschleierung der Frau. Sie berufen sich dabei vor allem auf den Koran und die Sunna (die Gewohnheiten bzw. die Tradition des Propheten Muhammad, seine Aussprüche usw.) und auf die Meinungen der islamischen Gelehrten aus Geschichte und Gegenwart.

Auf folgenden islamischen Webseiten finden Sie Artikel, die eine Verschleierung als islamisch betrachten und befürworten:

Interessant ist übrigens auch der Eintrag zum  Niqab in der englischen Wikipedia.

Im Westen ist vor allem die ablehnende Haltung des früheren Dekans der Kairoer al-Azhar-Universität, des verstorbenen Sheikh Muhammad Sayyid Tantawi, bekannt. Er hat sich sehr entschieden gegen die Verschleierung ausgesprochen - wobei Experten kaum bezweifeln, daß er damit lediglich die offizielle Haltung des ägyptischen Regimes abgesegnet hat, als deren "theologisches Sprachrohr" Tantawi ohnehin fungierte.

Mit dem sich abzeichnenden Ende des totalitären Mubarak-Regimes könnte nun auch die al-Azhar, immerhin die bedeutendste Institution des sunnitischen Islam, ihre Haltung zur Verschleierung ändern - zumindest erwarte ich das eher früher als später.

Zum Schluß noch ein paar persönliche Worte zum Thema. Persönlich lehne ich die Verschleierung ab - aber als Islamkundler erachte ich die Argumente der muslimischen Befürworter einer Verschleierung durchaus als stichhaltig und nachvollziehbar. Wäre ich Muslim, wäre ich wohl ein Befürworter der Verschleierung.

Dennoch möchte ich nicht Partei ergreifen - wie gesagt, jede der verschiedenen muslimischen Stimmen hat durchaus ihre Berechtigung. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier Partei ergreifen oder die Muslime belehren zu wollen. Wir haben nicht das Recht, festzulegen, welche Stimme denn nun im Recht ist. Wir haben keine Deutungshoheit in dieser Frage - und dürfen sie allerdings auch nicht einer bestimmten muslimischen Stimme allein zusprechen.

Wir müssen die Tatsache, daß die Muslime unterschiedlicher Meinung sind, akzeptieren und uns hüten, einer den Vorzug zu geben und die anderen womöglich als "unislamisch" zu verurteilen. Wir dürfen uns in die innermuslimische Auseinandersetzung nicht einmischen, dürfen nicht Stellung beziehen, sondern müssen neutral bleiben - auch im Hinblick auf Fragen, die den Schleier in unserer Gesellschaft betreffen. Es wäre verkehrt, ein Verbot der Verschleierung mit dem Hinweis zu befürworten, der Schleier sei nach Meinung dieser oder jener Muslime ja "unislamisch". Gerade der Staat würde damit gegen seine Pflicht zur weltanschaulichen Neutralität verstoßen - er hat die Pflicht, die verschiedenen Strömungen im Islam neutral zu behandeln, er darf keine bevorzugen oder benachteligen.

Der Streit um die Verschleierung im Islam ist nicht unser Streit, und unsere Einmischung ist nicht statthaft.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 04. Februar 2011 um 11:41 Uhr
 

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