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Der Schleier hat mit dem Islam zu tun PDF Drucken E-Mail
Schleier - Schleier im Islam
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 03. Februar 2011 um 11:08 Uhr

Man hört des öfteren den Satz, "der Schleier habe mit dem Islam nichts zu tun". Wer sich so äußert, meint denn auch, die Ablehnung des Schleiers habe nicht mit Islamophobie zu tun - und verstoße auch nicht gegen die Religionsfreiheit.

Begründet wird die Behauptung, der Schleier habe nichts mit dem Islam zu tun, gerne mit zwei Argumenten:

  1. Im Koran ist vom Schleier keine Rede
  2. Die meisten Muslime tragen keinen Schleier

Beide Argumente sind weit verbreitet - und darum auch die daraus abgeleiteten Behauptungen, ein Verbot stehe weder für Islamophobie noch stelle es eine Verletzung der Religionsfreiheit dar.

Im Koran ist vom Schleier keine Rede

Wer dieses Argument bemüht, begibt sich auf sehr dünnes Eis. Egal ob Christentum oder Islam - das meiste, was für religiöse Menschen in Lehre und Praxis wichtig ist, steht jedenfalls nicht unzweideutig bzw. ohne naheliegende Möglichkeiten alternativer Auslegung in den jeweiligen Heiligen Schriften.

Das religiöse Leben der Christen etwa wäre auf ein mageres Skelett reduziert, würde man verlangen, das alles, was Christen glauben und tun, eins zu eins aus der Bibel entnommen wäre. Wir könnten schon beginnen, die Kirchen ein- und die Kirchtürme abzureißen, die Gottesdienste einzustellen, die Kirchenglocken einzuschmelzen, die Orgeln zerlegen, die Nonnen entschleiern...

Auch im Hinblick auf die Kleidung muslimischer Frauen müßten wir umdenken - denn das Kopftuch der Muslimas ist eben auch nicht einfach eins zu eins aus dem Koran übernommen.

Wie dem auch sei - weder das Christentum noch der Islam berufen sich für gewöhnlich für ihre Religion ausschließlich auf ihre Heiligen Schriften. Auch das bekannte reformatorische solca scriptura - "allein die Schrift! - gilt nur im Hinblick auf die Frage, wie wir einen gnädigen Gott bekommen. Es schließt darüber hinaus weder christliche Traditionen aus noch moderne wissenschaftliche Erkenntnisse.

Im Islam ist es neben dem Koran vor allem die "Sunna", die maßgeblich ist für die Ausgestaltung des Glaubens, die Summe der vor allem auf den Propheten Muhammad zurückgehenden Traditionen.

Schließlich wage ich aber die Prognose: Will man das Christentum allein auf die Bibel begründen und den Islam allein auf Koran und Sunna, so bleibt letzten Endes von dem, wie Muslime heute leben, mehr übrig als bei den Christen. Darum sollten gerade Christen mit diesem Argument vorsichtig sein - sie sägen damit den Ast ab, auf dem sie selbst sitzen.

Die meisten Muslime tragen keinen Schleier

Es ist richtig, daß die meisten Muslimas keinen Schleier tragen. In Deutschland sind es schätzungsweise zwischen 0,5 und 1,0 % der Kopftuch tragenden Muslimas, die darüber hinaus auch einen Schleier tragen.

Zum Vergleich: Etwa 0,3 % der Protestanten in Deutschland sind Baptisten im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden.

Es gibt also verhältnismäßig mehr verschleierte Kopftüchträgerinnen als baptistische Protestanten. So viel also zum Thema "Minderheit" - wer meint, der Schleier habe wegen des Minderheitenstatus verschleierter Frauen nichts mit dem Islam zu tun, muß dann auch sagen, der Baptismus habe wegen des Minderheitenstatus der Baptisten nichts mit dem Protestantismus zu tun, es seien eben keine Protestanten.

Auch wenn die meisten Muslimas keinen Schleier tragen und nur eine Minderheit der Muslime in diesem Land den Schleier befürwortet, so ist das kein Argument dafür, der Schleier habe nichts mit dem Islam zu tun.

In einer freiheitlichen Gesellschaft werden Minderheiten idealerweise sogar in besonderer Weise von der Mehrheit geschützt - der "Starke" setzt sich für den "Schwachen" ein. Eine Verletzung dieses Grundsatzes ist ein Anschlag auf die gesellschaftliche Solidarität und damit auf uns alle.

Weltweit gesehen ist der Anteil verschleierter Frauen ohnehin höher als in Deutschland. Die deutschen Muslime sind kein repräsentatives Abbild des Weltislam.

Ein Burkaverbot bedeutet nicht Islamophobie

In der Regel gehen Islamophobie und Burkophobie Hand in Hand. Die Burkophobie ist einer der Schwerpunkte islamophober Lehre und Praxis, und wer gegen die Verschleierung ist, kann sich des Beifalls der Islamophoben, aber auch der Xenophoben, der Rechtspopulisten und Rechtsextremisten sicher sein.

Wer den kleinen Finger des Burkaverbots anbietet, dem wird man bald an der ganzen Hand zerren, um darüber hinaus gehende Verbote zu bekommen - Burkaverbot nicht nur im öffentlichen Dienst, sondern auch in der Öffentlichkeit. Nicht nur Burka-, sondern auch Kopftuchverbote usw.

Vor allem aber beruhen Islamophobie und Burkophobie auf den gleichen Ursachen - Unkenntnis, mehr oder weniger verdrängte Ängste, Minderwertigkeitsgefühle.

Burkophobie jedenfalls ist eine soziale Phobie und als solche rassistisch. Sie schreibt der Trägerin bestimmte Merkmale und Eigenschaften zu, auf die diese dann reduziert wird. Man spricht nicht mit den Frauen, sondern nur über sie.

Die Burkophobie in unserer Gesellschaft darf nicht verharmlost werden, ebenso wenig wie die Islamophobie. Beide sind zwei seiten einer Medaille - Angst und Vorurteile sind der Rand, der beide Seiten miteinander verbindet.

Ein Burkaverbot stellt keine Verletzung der Religionsfreiheit dar

Wer glaubt, der Schleier habe nichts mit dem Islam zu tun, ist in der Regel auch der Überzeugung, ein Verbot sei keine Verletzung der Religionsfreiheit.

Wichtig ist im Hinblick auf diese Annahme vor allem die Feststellung, daß Religionsfreiheit nicht nur im Bereich einer "Mehrheitsüberzeugung" gewährt wird. Geschützt wird die persönliche Glaubensüberzeugung des Individuums, geschützt werden nicht die Dogmen von Religionsgemeinschaften, gemeinsame Überzeugungen einer Mehrheit oder was in einer Heiligen Schrift steht und ediner anerkannten Deutungshoheit unterworfen ist.

Dabei gilt idealerweise das Prinzip, daß die Mehrheitsgesellschaft in besonderer Weise die Glaubensüberzeugungen derer schützt, die Minderheiten sind. Aufgrund ihrer Stärke ist sie dazu moralisch verpflichtet, anderenfalls verhält sie sich asozial, gesellschaftsfeindlich.

Die Religionsfreiheit findet nicht dort ihre Einschränkungen, wo Mehrheitsüberzeugungen entgegenstehen, sondern wo als objektiv gedachte Rechtsgüter (oder rechtlich relevantes sittliches Empfinden) verletzt werden - etwa die negative Religionsfreiheit anderer. In diesen Fällen müssen die Rechtsgüter gegeneinander abgewogen werden. Das erfordert zum Schutz der Würde des Menschen Einzelfallentscheidungen.

Wer die Burka verbietet, weil sie angeblich mit dem Islam nichts zu tun habe, verletzt in jedem Fall die Religionsfreiheit, wie sie zu den Grundlagen der freiheitlich-demokratischen Ordnung unseres Staates gehört, zu den Grundlagen unserer Gesellschaft, in der der "Stärkere" dem Schutz des "Schwächeren" verpflichtet ist, also die Mehrheitsgesellschaft eine besondere Verantwortung für das Wohlbefinden der Minderheiten hat.

Zuletzt aktualisiert am Donnerstag, den 03. Februar 2011 um 11:48 Uhr
 

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