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Wichtiger Hinweis: Ich vertrete die in diesem Artikel vertretene Auslegung nicht mehr. In der nächsten Zeit werde ich diesen Artikel überarbeiten.
Wer sich mit der Frage beschäftigt, ob sich Christinnen verschleiern müssen oder nicht, kommt um die Aussagen des Apostels Paulus im ersten Brief an die Korinther zur Verschleierung der Frau nicht herum. Üblicherweise werden die Aussagen des Paulus so gedeutet und übersetzt, daß er sich für die Sitte des Verschleierns einsetzt.
Dies ist eine ausführliche Exegese zu
1. Korinther 11,1-16
: Vom Verhalten der Frauen im Gottesdienst - der Schleier der betenden oder prophetisch redenden Frau, die allerdings besonders auf die Frage schaut, ob sich Paulus nicht eher gegen diese Sitte ausspricht.
Es handelt sich hierbei um die vierte, vollständig überarbeitete Auflage dieses Textes (April 2010), nachdem die dritte Auflage im Juli 2004 veröffentlicht worden war. Diese können Interessierte im Archiv meiner Home Page nachschlagen.
Prolog
1. Korinther 11,1-16 ist die einzige Stelle im Neuen Testament, die sich mit dem Schleier beschäftigt.
Traditionell wird sie dahingehend ausgelegt, daß Paulus den Frauen auferlegt, sich zu verschleiern. Dies schlägt sich auch in den meisten Übersetzungen dieses Textes nieder.
Es gibt auch alternative Auslegungen und Übersetzungen dieses Textes.
In vielen Punkten sind die Überlegungen des Bonner Theologen Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, die er in seinem Buch "Paulus im Kampf gegen den Schleier - Eine alternative Auslegung von 1. Korinther 11,2-16" dargelegt hat, für meine Exegese maßgeblich.
Nur für eine bestimmte kulturelle Situation?
Viele Ausleger sind der Überzeugung, daß die Anweisungen in unserem Text nur für die damalige kulturelle Situation gegolten haben, heute aber nicht mehr gelten, weil sich die Situation geändert hat.
So sind manche Ausleger der Überzeugung, daß Paulus die Frauen auffordert, sich nach dem Geschmack ihrer Umwelt bzw. den kulturellen Sitten zu richten, daß es um Kompromisse mit der römisch-heidnischen Umwelt geht usw.
Persönlich sehe ich nicht, wo der Text eine solche Auslegung zulassen würde. Ich sehe nicht, warum Paulus das nicht genau so schreiben sollte, wenn das seine Meinung zum Thema "Schleier" wäre.
Außerdem geht es ja nicht darum, ob der Schleier in der "Umwelt", im Alltag getragen werden soll, sondern ganz im Gegenteil in der Gemeinde, im Gottesdienst, von Frauen, die vor der Versammlung beten oder prophetisch reden.
Von daher gehe ich davon aus, daß unser Text keinen kulturellen Einschränkungen unterliegt, sondern heute ebenso gültig ist wie damals, als Paulus ihn verfaßt hat.
Übrigens ordnete die frühe Kirche den Schleier nur geweihten Jungfrauen zu, sprich den Nonnen. Ausnahmen sind nur die Kirchenväter Tertullian und Chrysostomus, die beide die komplette Verschleierung der Frauen außerhalb des Hauses forderten.
Vorbemerkungen
Korinth war im ersten Jahrhundert eine durch und durch römische Stadt mit griechisch-römischer Kultur. Die kulturelle, politische und religiöse Anbindung an Rom war den Korinthern sehr wichtig.
In der römischen Religion mußte ein Mann, der zur Elite gehörte, beim Durchführen bestimmter Riten (z.B. beim Opfer) seinen Kopf bedecken; dazu zog er etwa seine Toga oder ein Pallium genanntes Tuch über den Kopf. Die Kopfbedeckung zeigte den hohen gesellschaftlichen Stand des Mannes an. Das galt natürlich ebenso in Korinth. Es ist nicht bekannt, wie die Christen mit diesem römischen Brauch umgegangen sind; auch unser Text liefert nicht genügend Material, um daraus auf die Kopfbedeckung christlicher Männer im Gottesdienst zu schließen.
In der Hafenstadt Korinth lebten einerseits freie Menschen, manche von ihnen reich, andere arm, und dann auch andererseits sehr viele Sklaven und Personen, die von denen abhängig waren, die zur Elite gehörten.
Auch in der Gemeinde der Christen kamen freie Menschen und Sklaven zusammen. Das Miteinander zwischen arm und reich, zwischen frei und unfrei war höchstwahrscheinlich alle andere als unproblematisch.
Wenn die freie korinthische Frau das Haus verließ und an die Öffentlichkeit trat, dann war sie in der Öffentlichkeit verschleiert. Sie trug einen weiten Schleier, die Palla, der die Stirn, die Wangen und das Kinn bedeckte, höchstens Augen, Nase und Mund freiließ. Einige Frauen verschleierten sich aber auch komplett, so daß nur die Augen unbedeckt blieben. Dazu kam eine Kopf- oder Haarbinde aus Wolle, die Vitta.
In der korinthischen Gesellschaft galt der Schleier nicht als Zeichen von Unterordnung oder als Sinnbild für Unterdrückung, sondern vielmehr als Zeichen von Würde und Freiheit; er bedeckte in der Öffentlichkeit das, was vielen Frauen so wichtig war: Aufwendig geschmückte Haare, die vor allem deshalb so lang waren, um den Schmuck aufnehmen zu können. Das griechische Wort für "lange Haare" wurde verstanden als "geschmückte Haare".
Wer eine verschleierte Frau sah, durfte sich sicher sein, daß darunter nicht nur eine freie, würdevolle Frau verborgen war, sondern auch eine, die sich attraktiv zurecht gemacht hat. Die Phantasie durfte sich ausmalen, was sich unter dem Schleier versteckte. War das Gesicht ebenfalls verschleiert, konnte man sich in der Phantasie ausmalen, wie das Gesicht darunter geschminkt und geschmückt war.
Nur für Sklavinnen galt, daß sie in der Mehrzahl keinen Schleier tragen durften. Viele trugen ihr Haar weitaus kürzer, als es bei den freien Frauen üblich war - zumindest manche waren vermutlich kahl geschoren -, und natürlich trugen sie für gewöhnlich auch keinen Schmuck im Haar.
Auch die Prostituierten durften seit Augustus weder Palla noch Vitta tragen. Anders als die Sklavinnen durften sie aber ihr Haar lang tragen und auch schmücken.
Auch die Christinnen unter den freien Frauen verschleierten sich, sobald sie das Haus verließen und zum Gottesdienst gingen. Die christlichen Sklavinnen werden dagegen mit eher kurzem, unbedecktem Haar oder kahl geschorenen Hauptes zu den Gemeindeversammlungen gegangen sein.
Wir wissen leider nicht, ob sich die freie Frau entschleiert hat, sobald sie den Versammlungsort der Christen erreicht hat, meistens eine Privatwohnung, eine Werkstatt oder einen Kaufladen im Besitz eines Christen.
Es ist meine Vermutung, daß sie den Schleier zum Gottesdienst abgelegt hat. Manche haben Rücksicht auf die Sklavinnen genommen und unter ihrem Schleier keinen Haarschmuck getragen, andere werden sich nicht um die Sklavinnen geschert und ihren Schmuck schamlos zur Schau gestellt haben.
Es ist wichtig, sich die Bedeutung des Schleiers in Korinth beim Studium unseres Textes vor Augen zu halten. Keinesfalls dürfen wir einfach an "unsere" Schleier denken oder daran, daß es sich beim Schleier um ein Zeichen für Unterordnung oder Unterwerfung der Frau unter den Mann handelt, den die korinthischen Frauen um jeden Preis loswerden wollten.
Für die Frauen damals war es erstrebenswert, den Schleier als Zeichen der Würde und der Freiheit tragen zu dürfen - und wer etwa Sklavinnen beschämen wollte, konnte dies mit dem Schleier tun.
Es gab wohl römische Frauen aus den obersten Schichten, die gegen die strengen Ehegesetze (zu denen auch Kleidungsgesetze gehörten) rebelliert haben. Diese Frauen gab es schon seit der Mitte des ersten Jahrhunderts vor Christus und auch noch mehr als 100 Jahre später, als Paulus seinen ersten Brief an die Korinther schrieb - man sollte dies aber nicht als Ursache für ein Bestreben christlicher Frauen sehen, den Schleier loszuwerden, wie manche Ausleger dies annehmen. Diese Frauen definierten ihre "Emanzipation" eher darüber, daß sie selbst bestimmten, an welchen gesellschaftlichen Ereignissen sie teilnahmen, auch wenn dies für Frauen eher "unschicklich" war, und indem sie sich sexuelle Abenteuer und außereheliche Eskapaden erlaubten - die seit Augustus schwer bestraft wurden -, aber nicht über ihre Kleidung, höchstens durch geradezu sündhaft teure Kleidung.
Verschiedene Auslegungen bringen jüdische Vorschriften bezüglich der Verschleierung ins Spiel, aber es erscheint mir mehr als unwahrscheinlich, daß die Korinther selbst oder auch Paulus hier an jüdisache Sitten oder Vorschriften denken. Zwar gab es in der korinthischen Gemeinde sowohl Heiden- als auch Judenchristen; letztere waren aber wie auch die Heidenchristen an die römischen Sitten angebunden; einige stammten denn wohl auch aus Rom, nachdem Kaiser Claudius die Juden aus Rom vertrieben hatte und das durch und durch römische Korinth den "römischen Juden" ein geeigneter Zufluchtsort gewesen sein muß. Die Auslegung kann also jüdische Gebräuche und Regeln getrost außer Acht lassen und sich ganz den römischen Sitten und Vorschriften zuwenden, wenn es um die Kopfbedeckung geht.
Zu den paulinischen Korintherbriefen
Paulus hatte von den Korinthern Nachricht erhalten, sie hatten ihm einige Fragen übermittelt. Die Nachrichten kamen von verschiedenen Personen und Gemeindekreisen, unter ihnen auch die "Leute der Chloe".
Bei Chloe handelte es sich wohl um eine vermögende, unabhängige und einflußreiche Frau aus der Elite Korinths. Vermutlich gehörte sie nicht zur Gemeinde, war den Christen in Korinth aber gut bekannt.
Die "Leute der Chloe" waren wahrscheinlich von ihr vollständig abhängige Personen, darunter auch Sklaven und Sklavinnen.
Es ist nicht sicher, aber sehr gut möglich, daß die "Leute der Chloe" Paulus über die Vorgänge rund um den Schleier informiert haben, Paulus sich also in 1. Korinther 11,1-16 auf die Nachrichten der "Leute der Chloe" zum Umgang der Korinther mit dem Schleier im Gottesdienst bezieht.
Wir dürfen annehmen, daß Paulus in seiner Antwort die Fragen oder Äußerungen der Korinther zitiert, mithin die Praxis der Korinther dargestellt hat, um sich in seiner Antwort darauf zu beziehen.
Schaut man sich die Verse 4-9 und die Verse 11-15 an, dann sieht man, daß Paulus im zweiten Blick Punkt für Punkt die Argumente aus dem ersten Block widerlegt (die Verse 13-15 widerlegen die Verse 4-7, 12b widerlegt 8a, 12a widerlegt 8b, 11b widerlegt 9a und 11a widerlegt schließlich 9b. Lediglich Vers 10 fällt aus der Reihe, weswegen man annehmen darf, daß wir hier das eigentliche Zentrum der Abhandlung vor uns haben. Dieser Vers verdient unsere volle Aufmerksamkeit.
Die Korinther haben natürlich sofort erkannt, wo Paulus sie zitiert und wo er seine eigene Meinung äußert. Auch die Christen aus den anderen Gemeinden, die Kopien dieser Briefe gelesen haben, konnten mit Sicherheit noch erkennen, wo Paulus zitiert und wo er sich selbst äußert.
Wir haben heute jedoch ein doppeltes Problem:
Erstens wissen wir nicht, welche Worte Überzeugungen der Korinther zitieren und welche Worte Äußerungen des Paulus sind. Allerdings geht Paulus sehr gewissenhaft vor, als er die Argumente der Korinther widerlegt, daß wir die Verse 4-9 sehr sicher als Zitate ausmachen können, während die Verse 11-15 ganz sicher die Äußerungen des Paulus darstellen. Schwieriger ist es, die Verse 3b und 10 zuzuordnen.
Zweitens läßt sich aus den Zitaten nicht mehr die vollständige Praxis der Korinther rekonstruieren. Um was für ein Kleidungsstück ging es (ganz gewiß nicht um ein einfaches, europäisches Kopftuch)? Wann sollte es getragen werden und von wem? Und was war mit den Männern, gab es auch um deren Kopfbedeckung Streit?
Exegese Vers für Vers
Vers 1 gehört meines Erachtens noch zum vorigen Abschnitt; denn das Nachahmen des Beispiels, das Paulus gegeben hat, paßt besser zum vorigen denn zum folgenden Abschnitt.
Der Vers kann aber auch gewissermaßen die Überschrift für den folgenden Abschnitt, also unseren Text, darstellen.
Vers 2 enthält ein Lob des Paulus, bei dem man sich fragen muß, ob Paulus es ernst meint oder eher ironisch:
"Ich lobe euch aber, daß daß in allen Dingen meiner ihr gedenkt und, wie ich sie euch übergeben habe, die Überlieferungen festhaltet."
Immerhin haben die Korinther ja in so vielen Dingen gerade nicht an Paulus' Überlieferungen festgehalten, sondern seinen Überlieferungen zum Trotz ihre eigenen Regeln aufgestellt (siehe etwa die Verse 17-34 dieses Kapitels, in denen Paulus die Korinther wegen ihrer Abweichungen von seinen Überlieferungen kritisiert, wie Thomas Schirrmacher in seinem o.g. Buch zu Recht anmerkt).
Ich gehe darum davon aus, daß dieses Lob nicht ernst zu nehmen ist. Vielleicht denken die Korinther in allen Dingen an Paulus - aber sie halten seine Überlieferungen sicherlich nicht fest.
Vers 3 enthält eine Aufforderung: "Ich will aber, daß ihr versteht, daß jedes Mannes Haupt Christus ist, das Haupt aber der Frau der Mann, das Haupt aber Christi Gott".
Ich habe diesen Vers in den letzten Jahren völlig anders ausgelegt, als ich es heute tue:
Erstens habe ich das "ich will aber" noch der zweiten Hälfte des zweiten Verses zugeschlagen ("wie ich euch übergeben habe die Überlieferungen, haltet daran fest, das will ich aber" - nämlich anstelle daß die Korinther bloß in allen Dingen seiner gedenken und dann doch tun, was sie wollen); zweitens habe ich "ihr versteht es aber so, daß jedes Mannes Haupt Christus ist, das Haupt aber der Frau der Mann, das Haupt aber Christi Gott" übersetzt, also als eine Darstellung der korinthischen Lehre und nicht als eine Lehre des Paulus. Ich habe darauf hingewiesen, daß sich dieser Vers etwa mit
Galater 3,28
beißt und meines Erachtens eine falsche Wiedergabe der paulinischen Lehre der Unterordnung untereinander darstellt.
Soweit ich weiß, bin ich bis heute der einzige Vertreter dieser Auslegung geblieben - und darum habe ich mich entschieden, diese Auslegung aufzugeben und mich der Mehrheit anzuschließen, die in Vers 3 eine Lehre des Paulus sieht.
Also, Paulus lehrt daß erstens Christus das Haupt des Mannes ist, zweitens der Mann das Haupt der Frau und drittens Gott das Haupt Christi. Was will Paulus uns oder vielmehr den Korinthern damit sagen?
Beginnen wir mit der Bedeutung des Wortes "Haupt" (grie. kephale). Die wörltiche Bedeutung ist "Kopf" oder "Haupt". Dieses Wort kann aber auch sinnbildlich verwendet werden, etwa als die Spitze, als das Wichtigste oder als der Abschluß. In unserem Text steht es für einen Vorsitzenden, einen Leiter oder Führer. Das Haupt hat das Recht, etwas zu bestimmen, aber auch die Pflicht, dies in Liebe und Aufopferung zu tun.
Nur in unserem Text erscheint Christus als das Haupt des Mannes, sonst stets als Haupt der Gemeinde, seines Leibes. Daß Paulus, ehe er den Mann als Haupt der Frau nennt, Christus als Haupt des Mannes einführt, will meines Erachtens den Mann daran erinnern, daß er nicht nur Haupt der Frau ist, sondern auch selbst ein Haupt über sich hat, nämlich Christus. Der Mann soll nämlich seine Frau so führen oder leiten, wie Christus den Mann führt oder leitet, wie Christus die Gemeinde führt und leitet. Es gibt also einen Maßstab, nämlich die Liebe und Hingabe unseres Herrn Jesus für seine Gemeinde, an der sich der Mann gegenüber seiner Frau orientieren soll. Siehe hierzu auch
Epheser 5,21-33
. Haupt der Frau zu sein, bedeutet, daß der Mann sein Leben für seine Frau gibt.
Im Mittelpunkt dieser Reihenfolge Frau - Mann - Christus - Gott steht also weniger die Unterordnung, als vielmehr die Liebe und Hingabe. Und wer auch immer glaubt, er dürfe seine Frau unterwerfen, tyrannisieren, dessen Aufmerksamkeit wird durch Vers 3 auf die Unterordnung des Mannes unter Christus geführt und auf die Unterordnung Christi unter Gott. da ist keine Spur von Unterwerfung, von Tyrannei - und darum darf auch ein Mann als "Haupt der Frau" sie nicht unterwerfen oder tyrannisieren.
So darf er sie natürlich auch nicht zwingen, ein bestimmtes Kleidungsstück zu tragen oder abzulegen. Es ist beispielsweise allein ihre Entscheidung, ob sie einen Schleier trägt oder nicht, das ist nicht die Entscheidung ihres Mannes - oder überhaupt die von irgendwelchen Männern.
Vers 4 stellt meines Erachtens den Beginn eines längeren Zitates dar, die Thesen der Korinther zur Stellung der Frau in der Ordnung Gottes und des Menschen, die Paulus noch einmal anführt. Dieses Zitat reicht entweder bis Vers 9 oder bis Vers 10.
"Jeder Mann, der betet oder prophetisch spricht und vom Haupt hinab etwas hat, schändet sein Haupt." Wir erfahren nicht, was das Etwas ist, das der Mann "vom Haupt hinab hat".
Manche Ausleger denken hier an lange Haare, andere an eine Kopfbedeckung. Klar ist nur, daß es etwas ist, das vom Kopf hinab reicht, also nicht nur ein Käppi oder etwas in der Art.
Auch sind sich die Ausleger nicht einig in der Frage, um welche Situationen es eigentlich geht: Den Alltag, den Gottesdienst, das Abendmahl oder was sonst? Galt es nur für bestimmte Zusammenkünfte oder für spezielle Zusammenkünfte? Die Beschränkung darauf, daß es hier nur um ein gottesdienstliches Amt vor der Gemeinde geht (und der Schleier dann eine Art "Amtstracht" wäre), ist nicht zwingend.
Hier wie auch im nächsten Vers wird das gleiche Wort verwendet wie schon vorher in Vers 3, "Haupt", grie. kephale. Hier ist aber das Haupt im eigentlichen Sinn gemeint, also der Kopf. Die Korinther schauen gerade einmal bis zum je und je eigenen Kopf und nicht darüber hinaus, sie bleiben auf sich selbst bezogen.
Paulus aber lenkt den Blick auf den, der jeweils unser Haupt ist, unser Haupt in einem viel tieferen Sinn als nur den, ob wir uns nicht Schande machen oder nicht, je nachdem, was von unserem Kopf herunterhängt. Nicht unser Kopf und eine etwaige Schande ist für Christen entscheidend, sondern wie wir Unterordnung gestalten, vor allem die Männer: Bedeutet Unterordnung für euch Unterwerfung und Tyrannei - oder aber Liebe und Hingabe?
Vers 5 stellt die korinthische Position in bezug auf die Frauen dar:
"Aber jede Frau, die betet oder prophetisch spricht mit unverhülltem Haupt, schändet ihr Haupt."
Auch hier erfahren wir nicht, womit die Frau ihr Haupt verhüllen soll. Das grie. akatakalypto meint einfach nur "unverhüllt" und verrät uns nicht, um was für eine Verhüllung es sich handeln müßte. Auch hier reicht die Spanne der Auslegungen vom Haar bis zum Schleier.
"Denn eins und dasselbe ist sie wie die kahl Geschorene."
Über die "kahl Geschorenen" haben sich viele Ausleger den Kopf zerbrochen. Wir wissen schlicht und einfach nicht, wer hier gemeint ist. Ganz sicher war nicht die (Tempel-) Prostituierte gemeint; denn es gibt keinerlei Hinweise, daß diese sich freiwillig oder gezwungenermaßen mit einem kahl geschorenen Kopf zufriedengeben mußten.
Am Ehesten könnte man wohl an Sklavinnen denken. Aus vorchristlichen Zeiten wissen wir, daß den Sklavinnen der Kopf geschoren wurde. Es ist mir nicht bekannt, wie viele Sklavinnen das im ersten Jahrhundert nach Christus noch betroffen hat. Aber mit einiger Wahrscheinlichkeit ordnete man die "kahl Geschorene" dem Sklavenstand zu.
Sklavinnen durften wahrscheinlich in dieser Kultur keinen Schleier tragen, die freien Frauen und ihre Männer achteten vermutlich sehr genau darauf, daß dieses Zeichen von Freiheit und Würde nicht von Sklavinnen getragen wurde. Freie Frauen also trugen einen Schleier, Sklavinnen dagegen nicht, so daß jeder ihren kahl oder wenigstens kurz geschorenen Kopf sehen konnte.
Möglicherweise hatten manche freie Christen in Korinth ein Problem damit, wenn freie Frauen den Schleier ablegten und sich damit den Sklavinnen gleichmachten. Vielleicht war es ihnen peinlich, das sich die freien Frauen so mit dem Sklavenstand vereinigt haben, ohne "Rücksicht" auf ihre freien Geschwister und deren Stand. Die Reaktion könnte dann eine verstärkte Verschleierung der freien Frauen im Gottesdienst gewesen sein, um die Standesunterschiede ja nicht zu verwischen.
Vers 6 zeigt die von den Korinthern gezogene Schlußfolgerung, wenn eine freie Frau sich nicht verschleiern will:
"Wenn also eine Frau sich nicht verhüllt, lasse sie sich auch das Haar abschneiden! Wenn es aber schimpflich ist für eine Frau, sich das Haar abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, soll sie sich verhüllen!"
Möglicherweise also fordern jene Korinther, die von den freien Frauen, die ihren Schleier ablegen, peinlich berührt sind, sarkastisch, sie sollten dann doch konsequent sein und sich ganz den Sklavinnen gleich stellen: Haare abschneiden, Glatze scheren.
Vielleicht gab es freie Frauen in Korinth, denen es unangenehm war, sich mit ihrem Schleier als Zeichen von Freiheit und Würde so deutlich von den Sklavinnen, die doch ihre Schwestern im Glauben waren, zu unterscheiden, so daß sie den Schleier abgenommen und wohl auch auf den Haarschmuck verzichtet haben. Jetzt waren sie also nur noch durch die längeren Haare von den Sklavinnen zu unterscheiden.
Es ist natürlich denkbar, daß manchen Korinthern dieser Verzicht nicht weit genug ging: Es ist ja schön und gut, daß ihr den Schleier ablegt, aber damit macht ihr doch nur halbe Sachen. Schert euch lieber den Kopf kahl. Und wenn ihr dazu nicht bereit seid, dann könnt ihr auch den Schleier tragen. Das ist besser als so eine halbe Sache, wie ihr das jetzt macht!
Wie gesagt: Das ist alles Spekulation. Wir wissen nichts über die kahl Geschorenen, nicht, warum manche der Meinung waren, wer den Schleier abnimmt, solle sich auch gleich kahl scheren lassen, nicht, warum wieder andere der Meinung waren, wer sich nicht die Haare kurz schneiden oder sich kahl scheren zu lassen, solle halt den Schleier tragen.
Auch meine Gedanken zu den Sklavinnen ist reine Spekulation - eine von vielen. Solange niemand eine Zeitmaschine erfindet, mit der wir entweder Paulus oder aber den korinthischen Christen einen Besuch abstatten können, bleibt jede Auslegung dieser Verse im Bereich des Spekulativen.
Vers 7: "Der Mann einerseits soll sich aber nicht das Haupt verhüllen, da er Bild und Abglanz Gottes ist, die Frau andererseits ist Abglanz des Mannes".
Vers 8: "Denn nicht ist der Mann von der Frau, sondern die Frau vom Mann."
Vers 9: "Denn der Mann wurde auch nicht erschaffen wegen der Frau, sondern die Frau wegen des Mannes."
Dieser Lehre nach kommt allein der Mann von Gott, nicht aber die Frau. Sie kommt nur vom Mann. Das widerspricht dem Schöpfungsbericht, nach dem Mann und Frau beide nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Mann und Frau sind beide - und nur zusammen im vollen Wortsinn - Ebenbild Gottes. Beide brauchen einander, beide sind einander zugeordnet.
Vers 10 ist meines Erachtens nicht mehr eine Darstellung der korinthischen Lehren, sondern leitet die Antwort des Paulus ein:
"Deswegen soll die Frau Vollmacht haben über ihr Haupt - wegen der Engel."
Die meisten Ausleger übersetzen den ersten Teil: "Deswegen soll die Frau eine Macht haben auf dem Haupt". Im Urtext steht hier: exousia ... epi, zu deutsch Vollmacht über. Im Griechischen wird diese Formulierung immer verwendet, um anzuzeigen, daß jemand aktiv Vollmacht über etwas hat. Auch die Bibel kennt nur diese Bedeutung (etwa: Vollmacht über Dämonen haben).
Es gibt keinen einzigen Beleg, daß diese Formulierung jemals passiv verstanden wurde. Falls dem je so war, ist jeder Beweis dafür verloren gegangen.
Wir können darum diese Worte nur so übersetzen, daß die Frau Vollmacht über ihr Haupt hat, also entscheiden darf, ob sie sich verschleiert oder nicht. Niemand darf der Frau hierin Vorschriften machen.
Eine andere Übersetzung, durch die aus der Vollmacht ein "Zeichen der Vollmacht" wird, ist nicht legitim.
Der Verweis "wegen der Engel" stellt die Ausleger wieder vor erhebliche Probleme. Die Korinther wußten genau, was hier mit den "Engeln" gemeint war. Die Deutungen weisen in die verschiedensten Richtungen - und kaum eine der üblichen Deutungen vermag zu erklären, was "ihre" jeweiligen Engel denn damit zu tun hätten, ob sich eine Frau verschleiert oder nicht.
Es gibt meines Wissens nur zwei Deutungen, die zumindest erklären können, was die "Engel" an dieser Stelle zu tun haben.
Die erste Deutung übersetzt das grie. angelos wörtlich als "Boten" und geht davon aus, daß die Sitte des Verschleierns auf Korinth beschränkt, in anderen Gemeinden aber gänzlich unbekannt war (siehe Vers 16). Wenn die "Engel" also Boten aus anderen Gemeinden sind, wären sie wohl sehr erstaunt über die Sitte der Verschleierung, vor allem, wenn die Korinther von weiblichen Boten aus anderen Gemeinden erwarten würden, sich ebenfalls zu verschleiern.
Manche Ausleger sehen in den "Boten" aber auch Abgesandte entweder der römischen Behörden, die die Aufgabe haben, die Christengemeinden zu kontrollieren oder aber Abgesandte reicher und einflußreicher Bürger, die sich über die Christen informieren wollen.
Die zweite Deutung greift auf
1. Korinther 6,3
zurück. Wenn die Christen über Engel richten werden, dann auch über Alltägliches - und das gilt natürlich nicht nur für Männer, sondern ebenso auch für Frauen. Und wenn Frauen also Vollmacht haben, über Engel zu richten, dann selbstverständlich auch darüber, ob sie ihren Kopf mit einem Schleier bedecken oder nicht.
Weil das mit den Engeln nicht eindeutig zu klären ist, schieben manche Ausleger diesen Vers noch zur Argumentation der Korntiher. Die Antwort des Paulus würde dann erst mit Vers 11 beginnen.
Vers 11 läutet die Widerlegung der Verse 4-9 ein. Gewissenhaft führt Paulus jedes Argument des ersten Blocks ad absurdum.
"Allerdings ist weder die Frau ohne den Mann noch der Mann ohne die Frau im Herrn."
Vergleiche
Galater 3,28
: "Nicht ist da (...) Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus!"
Vers 12: "Denn gleichwie die Frau vom Mann ist, so kommt auch der Mann durch die Frau - aber alles von Gott."
Damit wären die Verse 7-9 meines Erachtens zu vollsten Zufriedenheit widerlegt, auch aber Paulus fährt mit seiner Widerlegung fort.
Vers 13 leitet in den meisten Übersetzungen eine Reihe von Fragesätzen ein. Ich übersetze diese Sätze hier in völliger Übereinstimmung mit dem grie. Text als Aussagen, nicht als Fragen:
"Urteilt bei euch selbst! Geziemend ist es, daß eine Frau unverhüllt zu Gott betet!"
Viele Ausleger meinen, das "urteilt bei euch selbst" leite eine Frage ein. Das aber ist meines Erachtens nicht zwingend. "Geziemend ist es", grie. propon estin, leitet im Griechischen darüber hinaus nie einen Fragesatz ein, sondern eine Aussage.
Vers 14: "Auch nicht die Natur selbst lehrt euch, daß ein Mann einerseits, wenn er langes Haar trägt, es eine Schande für ihn ist,"
Die beiden ersten Worte, "auch nicht" (grie. oude) lassen im Griechischen nicht zu, den Satz als Frage zu übersetzen.
Vers 15: "eine Frau andererseits, wenn sie langes Haar trägt, es Ehre für sie ist. Denn das Haar ist anstelle eines Schleiers gegeben."
Viele Übersetzungen schreiben, "denn das Haar ist anstelle eines Schleiers gegeben ihr." Das letzte Wörtchen fehlt aber in frühen Texten und stellt somit eine spätere Hinzufügung dar.
Wer die Sätze als Fragen übersetzt, hat natürlich trotzdem das Problem, daß er etwa auf die Frage, "lehrt nicht auch die Natur selbst euch, daß ein Mann einerseits, wenn er langes Haar trägt, es eine Schande für ihn ist, eine Frau andererseits, wenn sie langes Haar trägt, es Ehre für sie ist?" nur mit einem ehrlichen "nein, das lehrt sie nicht!" antworten kann; denn die Natur lehrt so etwas nun einmal nicht. Zudem tritt die Natur im Neuen Testament niemals als Lehrerin in Erscheinung.
Das grie. peribolaion kann mit Umhang, Decke, Hülle, Mantel oder Schleier übersetzt werden (keinesfalls mit Kopftuch).
Auffallend ist allerdings, daß der einzige Vers, in dem der Schleier ausdrücklich genannt wird (in Vers 4 wird er ja nur umschrieben als "etwas vom Kopf herab hängen haben", was sowohl einen Schleier meinen kann auch als lange Haare), in aller Deutlichkeit erklärt wird: "Das Haar ist anstelle eines Schleiers gegeben".
Vers 16 schließt den Text über den Schleier ab und wird noch einmal richtig spannend:
"Wenn aber jemand meint, rechthaberisch sein zu müssen, so bedenke er: Wir haben eine solche Sitte nicht, auch nicht die Gemeinden Gottes."
Viele Ausleger beziehen "eine solche Sitte" darauf, rechthaberisch sein zu wollen, aber das ergibt nicht nur keinen Sinn, sondern paßt auch nicht zu Paulus, für den das sicherlich nicht nur eine "Sitte" darstellt, sondern eine Sünde.
Die "Sitte" kann sich nur auf das Verschleiern im Gottesdienst beziehen. Das ist eine Sitte, die offenbar auf Korinth begrenzt war und die Paulus entschieden ablehnt.
Die Frauen und der Schleier
An dieser Stelle noch einmal eine Wiederholung von bereits zuvor Gesagtem zu einem wichtigen Aspekt:
Heutige Bibelleser und Ausleger gehen häufig davon aus, daß der in unserem Text besprochene Schleier der Frauen ein Zeichen ihrer Unfreiheit und Unterdrückung war und die Frauen in Korinth deswegen gegen den Schleier aufbegehrten, was Paulus veranlaßte, die Pflicht des Schleiertragens zu verteidigen.
An dieser Stelle sei noch einmal deutlich gesagt, daß für die Frauen der damaligen Zeit der Schleier ein Zeichen von Freiheit und Würde darstellte. Für sie gab es keinen Grund, gegen den Schleier zu rebellieren - mit einer einzigen Ausnahme.
In den Christengemeinden gab es ja nicht nur freie Frauen, sondern auch Sklavinnen. Sie (wie auch die Prostituierten) durften in der Megel keinen Schleier tragen. In ihrem Interesse haben möglicherweise einige der freien Frauen in den Gemeindeversammlungen ganz bewußt auf den Schleier verzichtet - und das wird wieder anderen Freien unter den Christen nicht gepaßt haben. Sie haben dann auch gesagt: "Wenn ihr schon meint, ihr müßt den Schleier ablegen und euch derart würdelos verhalten und euch auf eine Stufe mit den Sklaven stellen, dann laßt euch doch auch gleich den Kopf kahl scheren."
Der Text und wir
Was hat dieser Text uns heute zu sagen?
Ich denke, wir tun gut daran, an folgenden Lehren, die man aus dem Text und seiner Auslegung ziehen kann, festzuhalten:
- Die Frau hat Vollmacht über ihr Haupt. Alleine sie entscheidet über die Gestaltung ihres gottesdienstlichen Lebens in der Gemeinde (weit über die Frage "Schleier ja oder nein?" hinaus)
- Wo verschiedene soziale Gruppen zum Gottesdienst zusammenkommen und eine "höhere" Gruppe zugunsten einer anderen auf gewisse Rechte und Freiheiten, Standeszeichen und "Sitten" verzichtet, darf dies nicht verurteilt oder verboten werden
- Vielmehr ist ein solches Verhalten zu fördern und zu unterstützen
Andere Auslegungen
Es gibt viele Auslegungen zu 1. Korinther 11,2-16; diese ist nur eine weitere, die hauptsächlich die Zitattheorie aufgreift, wie sie Thomas Schirrmacher hierzulande publik gemacht hat, und auf einen angenommenen Konflikt zwischen freien Frauen und Sklavinnen (und möglicherweise auch Prostituierten) deutet.
Tatsächlich wissen wir so wenig über die Hintergründe dieses Bibeltextes, daß jede Auslegung hypothetisch bleiben muß. Jeder Ausleger sollte so ehrlich sein zu sagen, daß er im Bereich der Vermutungen und Hypothesen agiert.
Ich denke aber, zumindest eine Angelegenheit ist eindeutig: Die Anweisungen des Paulus gelten nicht für den Alltag der Christen. Es geht hier nicht um die Frage, ob sich eine Christin verschleiern muß oder nicht.
Alles andere bleibt zu sehr im Ungewissen und im Bereich der Spekulationen, als daß Christen mit gutem Gewissen unseren Bibeltext eins zu eins kopieren könten, um dann "neutestamentliche Gemeinde" praktizieren zu können. Wo es um die Frage der korrekten Kopfbedeckung bzw. im Allgemeinen der korrekten Kleidung geht, müssen Christen immer wieder neu zu Lösungen kommen und können den Schleiertext des Paulus nicht einfach als Anweisung übernehmen.
Wer glaubt, er habe 1. Korinther 11,2-16 so gut verstanden, daß er nun in der Lage sei, konkrete Kleidungsvorschriften zu erlassen, der hat vermutlich lediglich seine eigenen Vorstellungen in den Bibeltext hineingelesen und den Bibeltext lediglich steinbruchartig verwendet, um seine Überzeugungen zu "beweisen".
Wie dem auch sei - im Gottesdienst der Gemeinde geht es um die Gemeinschaft mit Gott und um die Gemeinschaft der Gläubigen untereinander. Was die Kleidung betrifft, so ist im Großen und Ganzen erlaubt, was für die Gemeinde nützlich ist und nicht dazu führt, daß Besucher schreiend reißaus nehmen. Genau dazu würde freilich eine Verschleierung, wie sie im Korinth des ersten Jahrhunderts üblich war, hierzulande führen. Die Kleidung der Christen, Männer wie Frauen, sollte der Kultur entsprechen - es kommt letztlich ohnehin auf innere Werte an. Nicht die Kleidung, die wir am Leib tragen, oder die Kopfbedeckung machen uns "rein" oder "unrein", sondern nur das, was aus unserem Herzen kommt.
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