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Paulus und der Schleier PDF Drucken E-Mail
Schleier - Schleier im Christentum
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 24. Januar 2011 um 01:00 Uhr
Beitragsseiten
Paulus und der Schleier
Vorbemerkungen
Exegese (Vv. 1-3)
Exegese (Vv. 4-6)
Exegese (Vv. 7-9)
Exegese (V. 10)
Exegese (Vv. 11-16)
Der Text und wir
Literatur
Alle Seiten

Wer sich mit der Frage beschäftigt, ob sich Christinnen verschleiern müssen oder nicht, kommt um die Aussagen des Apostels Paulus im ersten Brief an die Korinther zur Verschleierung der Frau nicht herum.

Üblicherweise werden die Aussagen des Paulus so gedeutet und übersetzt, daß er sich für die Sitte des Verschleierns einsetzt - doch ob und wie das für heute von Bedeutung ist, darüber gehen die Meinungen dann zum Teil erheblich auseinander, und das hiesige Christentum kennt dann sowohl verschleierte Christinnen - etwa Nonnen, aber auch evangelikal-fundamentalistische "Bibeltreue" - als auch die Mehrheit der unverschleierten Christinnen. In den Kirchen des Südens wie auch des Ostens sind die Schleier allerdings weiter verbreitet, zumindest im Gottesdienst.

Gerade im Westen gilt der Schleier weithin als Zeichen von Unterdrückung und fehlender Gleichberechtigung - und Paulus als mutmaßlicher Befürworter der Verschleierung nicht nur deswegen als erwiesener Frauenhasser. Oftmals trübt diese Sichtweise den exegtischen und hermeneutischen Blick auf Paulus' Auseinandersetzung mit dem Schleier im ersten seiner überlieferten Briefe an die Christengemeinde in Korinth.

Dies ist eine ausführliche und möglichst sachliche Exegese zu 1. Korinther 11,1-16 : Vom Verhalten der Frauen im Gottesdienst - der Schleier der betenden oder prophetisch redenden Frau.

Es handelt sich hierbei um die fünfte, völlig überarbeitete Auflage dieses Textes (Januar 2011), nachdem die dritte Auflage im Juli 2004 und die vierte, stark überarbeitete Auflage im April 2010 veröffentlicht worden war.

Über die Jahre hinweg hat sich meine Auslegung stark gewandelt - habe ich früher angenommen, daß Paulus gegen die Verschleierung argumentiert ( archivierter Artikel), teile ich seit etwa Juli 2010 nurmehr die Auffassung der Mehrheit, daß er sich für die Verschleierung der Christinnen in Korinth einsetzt.

Prolog

1. Korinther 11,1-16 ist die einzige Stelle im Neuen Testament, die sich mit dem Schleier beschäftigt.

Es gibt drei typische Auslegungen dieser Bibelstelle:

  1. Paulus gebietet den Frauen in Korinth die Verschleierung, aber das hat rein kulturelle Gründe und ist darum für uns heute nicht mehr maßgeblich
  2. Paulus gebietet den Frauen in Korinth die Verschleierung, und dieses Gebot gilt für alle christlichen Frauen - auch heute noch
  3. Paulus spricht sich gegen die Verschleierung der Frauen, wie sie in Korinth üblich war, aus - dementsprechend müssen sich auch heutige Frauen nicht verschleiern

Die erste Auslegung ist die heute am häufigsten vertretene. Man könnte sie der "liberalen Theologie" zuordnen, sie wird aber auch von den meisten evangelikalen Theologen vertreten (wenn auch mit mehr Zurückhaltung).

Die zweite Auslegung findet sich bei vielen "bibeltreuen" Christen, oftmals auch bei Christen mit Migrationshintergrund. Man kann sie einer evangelikal-fundamentalistischen Theologie zuordnen, aber sie findet sich auch in Kreisen, die nicht evangelikal geprägt sind.

Die dritte Auslegung ist eher selten und dann meistens bei evangelikalen Christen anzutreffen (so etwa beim Bonner Theologen Prof. Dr. Thomas Schirrmacher, der sie in seinem Buch "Paulus im Kampf gegen den Schleier - Eine alternative Auslegung von 1. Korinther 11,2-16" dargelegt hat). Dies ist die Auslegung, die ich bis etwa Mitte 2010 ebenfalls vertreten habe, und der ich viel zu verdanken habe. Wenn ich sie heute auch nicht mehr teile, so bin ich ihr (und ihren Vertretern) doch in Freundschaft und Respekt verbunden.

Probleme

Dieser Text gehört zu jenen Texten in der Bibel, die den Auslegern große Probleme bereiten. Die Ursache für die Probleme liegt darin begründet, daß Paulus offensichtlich auf konkrete Anfragen der Korinther antwortet - die Anfrage jedoch nicht überliefert ist. Wir haben also nur eine Hälfte des Schriftwechsels vor uns, wir kennen die tatsächliche Situation in Korinth nicht, und was sich in der Antwort des Paulus andeutet, ergibt kein klares Bild.

Ausleger sind also angehalten, mit diesem Text zurückhaltend umzugehen - doch da es, wie gesagt, die einzige neutestamentliche Bibelstelle zum Thema Schleier darstellt (und es um den Dauerbrenner "der Frauenhasser Paulus und die unterdrückten Frauen" geht bzw. den Versuch einer propaulinischen Widerlegung dieser schwerwiegenden Anklage), fällt Theologen und vor allem sich selbst als "bibeltreu" verstehenden Christen die Zurückhaltung schwer (das geht auch mir als einem bekennenden "Fan" des Paulus so).

Hinzu kommt das Problem, daß in der Theologie die Situation in Korinth umstritten ist. Muß man nun eher einen jüdischen, einen griechischen oder einen römischen Hintergrund annehmen, vor dem sich die Darstellungen des Paulus entfalten?

Persönlich tendiere ich dazu, einen römischen Hintergrund anzunehmen. Korinth war eine römische Kolonie, nicht eigentlich eine griechische Stadt (das griechische Korinth muß als untergegangen bezeichnet werden, nachdem die Römer es geschlagen hatten).

Auch die in Korinth lebenden Juden dürften stark römisch geprägt gewesen sein (nicht wenige von ihnen dürften aus Rom eingewandert sein, als Kaiser Claudius die Juden aus Rom verbannt hat). Griechische Kultur und jüdische Religion dürften also keinen maßgeblichen Einfluß spielen, wohl aber römische Sitten und Bräuche.

Lassen wir also die jüdische Frau ebenso außen vor wie die griechische und richten unser Augenmerk auf die römische Frau christlichen Glaubens.

Ein Problem vieler Auslegungen zur "Schleierstrelle" versuche ich in dieser Auslegung zu vermeiden: Das Zukurzkommen der Frage, ob Männer ihren Kopf bedecken sollen. Die Tatsache, daß Paulus nicht nur über die Kopfbedeckung der Frauen, sondern auch über die Männer schreibt, geht oftmals unter - allerdings hat die Kopfbedeckung der Männer in der Geschichte der Christenheit auch keine so große Rolle gespielt wie die der Frauen. Den Ausführungen des Paulus ist man damit nicht gerecht geworden.

Nur für eine bestimmte kulturelle Situation?

Viele Ausleger sind der Überzeugung, daß die Anweisungen in unserem Text nur für die damalige kulturelle Situation gegolten haben, heute aber nicht mehr gelten, weil sich die Situation geändert hat. Worin diese Veränderung allerdings besteht, ist umstritten.

So sind manche Ausleger der Überzeugung, daß Paulus die Frauen auffordert, sich nach dem Geschmack ihrer Umwelt bzw. den kulturellen Sitten zu richten, daß es um Kompromisse mit der römisch-heidnischen Umwelt geht usw. Dem ist meines Erachtens im Großen und Ganzen zuzustimmen. Wichtig ist mir aber: In Fragen des öffentlichen Auftretens der Christen muß es auch heute darum gehen, die jeweilige Kultur zu respektieren - insofern halte ich diesen Bibeltext für zeitlos gültig, auch wenn wir dem Schleier an und für sich hierzulande und heutzutage für gewöhnlich keine Beachtung schenken müssen.

Schon die frühe Kirche ordnete den Schleier übrigens nur geweihten Jungfrauen zu, sprich den Nonnen. Ausnahmen sind nur die Kirchenväter Tertullian und Chrysostomus, die beide die komplette Verschleierung der Frauen außerhalb des Hauses forderten.



Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 25. Januar 2011 um 18:55 Uhr
 

Kommentare  

 
# PastorManfred Bleile 2011-10-02 15:48
Die doxa Gottes lebt grundsätzlich ebenso in der Frau wie im Mann, ist ihr ebenso zum Eigentum gegeben wie dem Mann. Die Frau hat halt nur eine zweite doxa, die des Mannes.

Nach 1.Mose 1, 27 hat Gott beide, Mann und Frau nach SEINEM Bild erschaffen.
Deswegen ist die Aussage in 1. Kor.11,7 ein falsches Zitat der Korinther, denn der Apostel würde dem Schöpfungsberic ht niemals widersprechen.
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