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Burkaverbot - Religionsfreiheit
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Donnerstag, den 04. Mai 2006 um 12:53 Uhr

Nach Ostern kamen zwei junge muslimische Frauen mit " Burqa" zur Schule - und erhielten erst einmal ein 14tägiges Schulverbot. Pikanterweise strebt die betreffende Bonner Bertolt-Brecht-Schule die "Kopftuchfreiheit" an - das bedeutet hier aber nicht eine positive Freiheit, nämlich die Freiheit, ein Kopftuch zu tragen oder auch nicht, sondern eine negative Freiheit, also ein Verbot.

Auffallend die Aufgeregtheit der Medien. Obwohl es sich vermutlich nicht um eine Burqa handelt - also jenes den ganzen Körper bedeckendes Kleidungsstück afghanischer und pakistanischer Frauen, das vor den Augen nur ein feinmaschiges Netz aufweist -, sondern vermutlich um die Kombination einer Abaya und eines Niqab, also eines arabischen Mantels und eines ein- oder auch mehrlagigen Schleiers, der meist das Gesicht bis unter die Augen bedeckt, bei mehreren Lagen - wenn diese nicht über den Kopf nach hinten geworfen werden - aber auch die Augen bedecken kann, wurden regelmäßig Bilder von Frauen mit Burqa gezeigt. Das dürfte kein Zufall sein - gilt die pakistanische Burqa (die in Afghanistan Chadri heißt) doch hierzulande als besonders "schlimm": Rückständig, die Frauen erniedrigend, jede Gleichberechtigung verhindernd.

Auch die Lehrkräfte sind aufgeregt. So verhindere der Gesichtsschleier doch die nonverbale Kommunikation zwischen SchülerInnen und LehrerInnen. Das ist freilich ein Punkt, der mir als Prosopagnostiker, also Gescihtsblindem, nicht so recht einleuchten will.Von Geburt an gesichtsblind - also unfähig, Gesichter und auch Mimik erkennen oder mir merken zu können, darum auch benachteiligt im Bereich meiner eigenen Mimik; denn woran hätte ich mich je orientieren sollen, wenn ich keine Mimiken erkennen und mir merken kann? -, habe ich es trotzdem irgendwie auf die Reihe bekommen, meine schulische Ausbildung abzuschließen. Glaubt man den Lehrkräften, die sich gegen die Gesichtsschleier wehren, so müßte ich eigentlich an jeglicher Schulausbildung gescheitert sein, und mit mir alle Gesichtsblinden - immerhin zwei Prozent der Deutschen. Übrigens auch zwei Prozent der Lehrer. Ja, der "Gesichtsschleier" in Form der Gesichtsblindheit ist ohnehin schon bei 2 % aller LehrerInnen und bei 2 % aller SchülerInnen Realität. 

Auch die MitschülerInnen der beiden muslimischen Frauen waren wohl aufgeregt, hätten gar Angst gehabt. Offensichtlich war der Schulfrieden gestört. Statt nun aberdafür zu sorgen, daß die MitschülerInnen lernen, mit der Verschleierung reif und aufgeklärt umzugehen, bestraft man lieber die verschleierten Schülerinnen. Mir scheint, bei den MitschülerInnen besteht hier der weitaus größere Erziehungsbedarf. Es kann doch nicht sein, daß zwei Frauen mit Gesichtsschleier eine ganze Schule in Aufregung, Angst und Schrecken versetzen!

Auch die Politik ist natürlich aufgeregt. Verbindungen zur König-Fahd-Akademie gäbe es, provozieren wollten die beiden jungen Frauen.

Nicht zuletzt ist auch der eine oder andere islamische Verband aufgeregt. Natürlich, so etwa der Zentralrat der Muslime in Deutschland sinngemäß, habe der Gesichtsschleier mit dem Islam gar nichts zu tun. In einem Interview mit dem Sender RBB erklärte Axel Köhler, Vorsitzender des nur wenige Muslime repräsentierenden Zentralrats, die islamische Lehre sage nichts über die "Ganzverschleierung" des Gesichts. Das ist natürlich nur die Lehrmeinung Köhlers; andere Muslime vertreten hier ganz andere Lehrauffassungen - auch innerhalb des Zentralrats. Weiter schlägt Köhler den beiden jungen Frauen vor, sie sollten sich "theologisch von einem Fachmann beraten lassen, dahingehend, daß sie dann das Gesicht im Unterricht wieder frei machen". Nun gibt es aber genügend theologische Fachleute im Islam, die diese Meinung des Nichttheologen Köhlers nicht teilen werden. Auch im Bereich des Zentralrats. 

Es ist nicht die Aufgabe des Zentralrates der Muslime, zumal dieser nur eine Minderheit der Muslime in Deutschland vertritt (ironischerweise gerade jene Minderheit, die auch eher dazu neigt, besonders strenge Kleidervorschriften für FRauen zu fordern), zu definieren, was islamisch sei und was nicht. Es ist freilich auch nicht die Aufgabe von Nichtmuslimen.

Die beiden achtzehnjährigen Frauen haben das Recht, ihr Gesicht zu bedecken, sei es nun eine Burqa mit nur einem feinen Netz vor den Augen oder ein Niqab, der für die Augen einen Schlitz freiläßt oder diese vielleicht auch bedeckt. Das fällt ganz klar unter Religionsfreiheit. 

Es ist ohnehin interessant, daß man sich über einen Schleier aufregt - aber nicht über junge Mädchen mit Miniröcken, bauchfreien Tops, auffallendes Make-up und dergleichen mehr (und eine der jungen Frauen trug ja wohl noch vor Ostern sehr freizügige Kleidung). Wenn das eine erlaubt ist, kann das andere nicht verboten sein.

Der Hinweis auf die Einschränkungen beim Unterrichten und Lernen, wenn es keinen Blickkontakt gibt, wäre nur dann tragfähig, wenn es Belege dafür gäbe, daß es etwa bei den 2 % der LehrerInnen und den 2 % der SchülerInnen, die gesichtsblind sind zu Einschränkungen käme.

Wenn die beiden jungen Frauen nun politische oder auch religiöse Propaganda mit dem Schleier vertreten, könnte man sicherlich über Strafmaßnahmen nachdenken. Oder wenn sie sich abfällig über nichtverschleierte Mitschülerinnen äußern. Dann sollte man das Gespräch suchen. Dann muß man möglicherweise zu Restriktionen greifen.

Aber ein Gesichtsschleier fällt ebenso wie das Kopftuch unter die vom Grundgesetz garantierte Religionsfreiheit. Und die Definition, ob nun ein Schleier zur Religion des Islam gehört, ob eine Burqa oder ein Niqab islamisch ist der nicht, haben sicherlich weder Nichtmuslime noch der Zentralrat der Mulime in Deutschland oder ein anderer Verband zu treffen.

Problematisch ist jedenfalls die Reaktion der MitschülerInnen auf die beiden jungen verschleierten Frauen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf! Hier ist etwas schief gelaufen. Hier hat die schulische Erziehung starke Defizite. Ich schlage der betreffenden Schule als Sofortmaßnahme ein umfangreiches Schleier-Projekt vor, um hier die nötige Reife zu erreichen, um die offensichtlich noch nicht genügend gefestigten SchülerInnen zur nötigen Aufklärung zu führen und eine stabile Toleranz herauszubilden.

Letztlich tut es nit, zu einem sachlichen Umgang mit dem Thema Schleier zu gelangen. Die aktuelle Aufgeregtheit kann doch zu keinen sinnvolle Ergebnissen führen, sondern spielt nur den Hardlinern in die Hände.

Der Schleier ist nicht die größte Gefahr für das christliche Abendland. Kein Gesichtsschleier bedroht unsere Kultur, unsere Schulen.

Gerade die Christen sollten nicht aus den Augen verlieren, daß der Schleier seinen Platz auch in der Kirchengeschichte hat. Bis heute tragen christliche Frauen im Orient, aber auch orientalische Christinnen in der Diaspora und ebenso frühere Musliminnen, die zum christlichen Glauben gekommen sind, Schleier. Der Schleier widerspricht der biblischen Botschaft und dem christlichen Glauben nicht.

Aber jeder Zwang widerspricht dem christlichen Glauben. Jedes Kopftuch- oder Schleierverbot ist aus christlicher Sicht zumindest höchst problematisch.
Ich meine: Es widerspricht dem christlichen Glauben. 

Von daher wünsche ich mir nun Solidarität mit den beiden jungen Frauen gerade auch von Christen. Ich empfinde sie sogar als geboten und bitte darum Christen, sich mit den beiden jungen Frauen von der Bertolt-Brecht-Gesamtschule, aber auch mit allen anderen Frauen, die von Kopftuch- und Schleierverboten und entsprechenden Diskriminierungen betroffen sind, zu solidarisieren. 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 02. März 2010 um 14:58 Uhr
 

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