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Schleier im öffentlichen Dienst PDF Drucken E-Mail
Schleier - Kopftuch & Burka
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 04. Februar 2011 um 10:29 Uhr

In Politik, Medien und auch Gesellschaft ist die Haltung ziemlich einheitlich: Ein Schleier hat im öffentlichen Dienst nichts zu suchen. Der Bürger, so argumentiert man regelmäßig, habe ein Recht darauf, daß der Staat ihm mit "offenem Angesicht" gegenübertrete". Offenbar ist man überzeugt, dieses Recht stehe auch über dem Recht auf freie und ungestörte Ausübung der Religion - ich nehme an, weil es ja auf der einen Seite viele Bürger mit dem einen Recht, auf der anderen Seite aber nur ganz weniger Bürgerinnen mit dem anderen Recht sind, Grundrecht oder Menschenrecht hin oder her, außerdem habe der Schleier ja, wie auch viele Muslime immer wieder betonen, mit der Religion gar nichts zu tun.

Andererseits werfen wir verschleierten Frauen immer wieder vor, sie neigten zur Abgrenzung und tendierten zu einer Haltung, die Integration verweigere. Hier sollte man sicherlich bedenken, daß die Integration ins Arbeitsleben in unserer Gesellschaft die höchste und erstrebenswerteste Form der Integration darstellt - wer erfolgreich ins Arbeitsleben integriert ist, gilt hierzulande als gut integriert. Ausnahme: Schleier. Eine Integration in den öffentlichen Dienst sollte eigentlich noch etwas "mehr Integration" sein als die Integration nur ins allgemeine Arbeitsleben, steht doch der öffentliche Dienst in besonderer Weise für die Gesellschaft. Ausnahme: Schleier.

Wir müssen uns im Klaren sein, daß unsere Haltung eine deutliche Botschaft an die verschleierten Frauen aussendet: Ihr seid nicht willkommen. Egal, wie sehr ihr euch anstrengt, es ist nie genug, wir lehnen euch ab.

Muß eine Muslima erst den Schleier ablegen, damit wir sie willkommen heißen?

Ich halte das für einen ganz und gar falschen Weg.Auch für einen sehr verhängnisvollen Weg.

Natürlich ist es so, daß viele unserer Bürger, nicht selten auch mit muslimischem Hintergrund, der Verschleierung mit Bedenken, mit Unsicherheit, mit Ängsten, mit Zurückhaltung... begegnen. Das sagt freilich auch eine Menge über uns aus, auch wenn wir uns weigern, uns damit auseinanderzusetzen - es soll hier auch nicht Thema sein.

Es ist mein Ratschlag, verschleierten Muslimas die Möglichkeit anzubieten, im Innendienst zu artbeiten, ohne Publikumsverkehr.

Sicherheitsbedenken müssen dabei keine Rolle spielen - erstens ist eine verschleierte Frau, wenn man sie erst einmal kennt, durchaus wiederzuerkennen (Größe, Statur, Augen, Stimme, Bewegungen, Verhalten...) - zum anderen ist es höchst unwahrscheinlich, daß sich jemand unter einem Schleier im öffentlichen Dienst als jemand anderes ausgibt. Auf die Frage, warum jemand das tun sollte, habe ich noch nuie eine vernünftige Antwort bekommen. Offenbar gibt es sie nicht.

Wir haben nun einmal nicht nur eine Verpflichtung gegenüber einem Recht des Bürger, einer Verwaltung offenen Angesichts gegenüberzutreten, sondern auch die Verpflichtung gegenüber einer unter dem Schutz der Religionsfreiheit stehenden Frau, die bereit ist, sich in das Arbeitsleben und in den öffentlichen Dienst zu integrieren.

Manchmal frage ich mich, ob eine solche Frau nicht einfach nur unserem Bild zuwiderläuft. Sollte sie wirklich eine Frau sein, die sich ganz normal integrieren will? Sollte unser Bild wirklich so falsch sein? Sollten wir uns so sehr irren? Statt uns mit unserem Bild auseinanderzusetzen, fordern wir lieber ein Verbot - das ist einfacher. Und wir dürfen unser Bild von der einerseits unterdrückten, rechtlosen, benachteiligten Frau, andererseits radikalen Fundamentalistin behalten, müssen es nicht infrage stellen lassen. Menschen tun sich schwer damit, auf solche Bilder, auf solche Einstellungen zu verzichten.

Christen seien hier an das Gebot erinnert: Du sollst dir kein Bildnis machen. Das gilt nicht allein im Hinblick auf Gott - auch im Hinblick auf andere Menschen können Bilder, die wir uns machen, Schubladen, die wir verwenden, Vorurteile, die uns lieb und teuer sind, verhängnisvoll sein.

Wie dem auch sei: Der Umgang mit einer verschleierten Frau im öffentlichen Dienst braucht keine Gesetze, keine Verbote. Mit der Regelung, im Innendienst zu arbeiten, ohne Publikumsverkehr, können sicherlich alle Parteien leben. Etwaige Probleme sollten individuell angegangen werden, man sollte in jedem Einzelfall nach Lösungen suchen. Zudem wird diese Regelung helfen, Vorbehalte in der Bevölkerung auf sanftem Wege abzubauen.

Wenn man nur wollte, könnte man das "Problem" Schleier im öffentlichen Dienst im Interesse aller Beteiligten lösen. Das brächte freiwillig weder sonderlich viel Applaus noch Auflage. Es würde aber ein Zeichen sein gegen Islamophobie und Xenophobie, weil nämlich die " Burka" bei denen ganz oben auf der Liste der Feindbilder steht. Mit Verboten lassen sich vielleicht Wählerstimmen aus diesem Lager gewinnen, aber mit einvernehmlichen Lösungen erreicht man mehr.

Hinzu kommt, daß unsere bisherige Haltung diesen Frauen gegenüber nur den Radikalen unter den islamischen Fundamentalisten nutzt; denn wir müssen immer befürchten, daß unsere Haltung die Frauen in deren Arme treibt. Jede aus dem öffentlichen Dienst abgewiesene verschleierte Muslima ist eine Schubkarre voller Steine für das Haus des unsere Gesellschaft ablehnenden islamischen Fundamentalismus. Wir liefern den Bauleuten das Material frei Haus; denn wir verlieren nicht nur möglicherweise die eine betreffende Frau, sondern auch andere Muslime, die sich aus Enttäuschung von uns ab- und denen zuwenden.

Es ist nur die Frage, ob wir willens sind, auch verschleierte Muslimas in unserer Gesellschaft willkommen zu heißen - ohne Vorurteile, ohne Unterstellungen, ohne Feindbilder. Wenn ja, dürfen wir ihnen auch den öffentlichen Dienst nicht vorenthalten.

Wenn wir nicht die Türen des öffentlichen Dienstes öffnen, dann könnten wir damit die Türen zu einem Dienst für uns feindlich gesinnte Kräfte öffnen. Es liegt an uns.

Verschleiert im öffentlichen Dienst?

Verschleiert im öffentlichen Dienst?

 

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