|
Wer " Burka" liest, hört, sagt oder schreibt, denkt natürlich zuerst und zuletzt an die Komplettverschleierung muslimischer Frauen. Aber nicht nur "ex oriente burka" - nein, auch der Westen hat so seine "Burkas", die natürlich geschickt verschleiert sind.
Die erste "Burka des Westens" kommt gerne mit den Worten daher, "also, ich bin für ein Burkaverbot. Aber wenn ich so manche dicke Frau mit Leggings und oder Minirock sehe, dann denke ich, da wäre eine Burkapflicht echt gut". Eine weit verbreitete Burka - ältere und/oder dickere Frauen mit Leggings, Miniröcken usw. können ein Lied davon singen. Verzichten sie nicht auf solch "unvorteilhafte" Kleidung, ergeht es ihnen in der Öffentlichkeit kaum besser als verschleierten Frauen. Im schlimmsten Fall werden sie sexuell belästigt, als bedeute solche Kleidung: "Dickes Mädchen, leicht zu haben".
Die zweite "Burka des Westens" kommt mit den Worten daher, "wenn du nicht vergewaltigt werden willst, solltest du dich nicht wie eine Schlampe anziehen". Solche Aufforderungen an Frauen und damit verbundene Schuldzuweisungen nach etwaigen sexuellen Übergriffen stellen nichts anderes als eine "Burka" dar.
Dire dritte "Burka des Westens" ist jenes unablässige Missionieren von Seiten der Werbung, der Medien usw., wie Frauen auszusehen haben. Die Frau in der Werbung und in den Medien ist eine Kunstfigur, eine Puppe - und so sollen die Frauen bitte schön sein. Mit diesen Puppen müssen echte Frauen sich vergleichen, und das geht nur, wenn sie sich das Ideal überstreifen wie eine Burka, wenn sie sich dem Schönheitsdiktat der Gesellschaft beugen.
Die vierte "Burka des Westens" ist die Gesamtheit all der kleinen Schönheitskorrekturen, mit denen Frauen aufhören, sie selbst zu sein, bis hin zu wiederholten Schönheits-OPs. Das sind die Silikonbrüste, die aufgefüllten Lippen, die gestrafften Gesichtszüge, das abgesaugte Fett, alle diese Schleier, mit denen wir uns dem Diktat des Geschmacks unterwerfen.
Die fünfte und letzte hier zu nennende "Burka des Westens" sind all die Masken, mit denen wir in der Öffentlichkeit etwas zu sein vorgeben, was wir nicht sind. Und mit denen wir anderen vorwerfen, etwas zu sein, was sie eben so wenig sind. Gerade diese Masken, die wir alle tragen und mit denen wir uns so unwohl fühlen,. sind einer der Gründe, warum wir so gegen die Verschleierung muslimischer Frauen wüten: Sie legen den Finger in die Wunde, sie erinnern uns an unsere eigenen Maskierungen, Verstellungen, Verschleierungen. Wir verschleiern unsere Maskierungen und maskieren unsere Verschleierungen - doch diese Frauen mit ihren Schleiern halten uns einen Spiegel vor.
Und bevor jemand meint, alle diese "Burkas des Westens" seien ja freiwillig - wer's glaubt, wird selig. Wer sich unter Menschen bewegt, gerade in der westlichen Gesellschaft, muß sich Zwängen unterwerfen, um halbwegs über die Runden zu kommen. Wer gegen den Strom schwimmt, muß sehr viel Energie aufbringen, Standhaftigkeit, Durchhaltevermögen, muß verbale und tätliche Übergriffe wegstecken, die viel zu oft auch sexueller Natur sind.
"Ex kapitalismus burka" - unsere westliche, vom Kapitalismus beherrschte Welt bringt einen gehörigen Zwang hervor, sich zu maskieren, zu verstellen, zu verschleiern. Wir zeigen nicht unser wahres Gesicht, sondern streifen die "Burka des Westens" über.
Und wenn wir dann mit dem Finger auf verschleierte Muslimas zeigen - dann ist es so, daß wir mit Steinen werfen, obgleich wir im Glashaus sitzen. Und darum sind auch alle unsere Forderungen nach einem Burkaverbot scheinheilig - sollten wir nicht, ehe wir uns um den Splitter im Auge der Muslime kümmern, mit dem Balken in unseren eigenen Augen auseinandersetzen und hier Burkaverbote durchsetzen?
Wenn der Westen wirklich ohne Burka ist, mag er muslimische Frauen auffordern, ihre Schleier abzulegen - falls uns dann noch der Sinn danach steht, was doch sehr zu bezweifeln wäre.
|
Bitte haben Sie Verständnis dafür, daß Ihr Kommentar erst vom Webmaster freigeschaltet werden muß, um unerwünschte Werbung zu verhindern. Die Freischaltung erfolgt so schnell wie möglich.