Ich bin kein Muslim, sondern Christ. Ich gehöre also auch keiner der islamischen Bewegungen oder Strömungen an - weder einer progressiven noch einer konservativen Strömung.

Mein Interesse besteht darin, das Recht der Muslimas auf freie Ausübung ihrer Religion auch im Hinblick auf Hidschāb und Niqāb zu verteidigen.

Nun gibt es nicht den einen Islam - es gibt sehr verschiedene Strömungen, von liberal oder progressiv bis sehr konservativ. In unserer Gesellschaft werden vor allem die konservativen Muslimas bedrängt, ihre Hidschāb und Niqāb und ihre Handschuhe abzulegen. Sie sollen sich an einen Islam anpassen, der vermeintlich am ehesten kompatibel ist zur Mehrheitsgesellschaft, und für konservative Muslime und für einen traditionellen Hidschāb und vor allem für den Niqāb ist da kein Platz. Bevorzugt werden moderne, „stylische” Formen, die mit traditioneller Kleidung nichts mehr gemein haben.

Ich habe kein Problem damit, wenn Muslimas sich so darstellen, habe auch kein Problem mit einem „Euro-Islam” - aber ich sehe, wie sehr konservative Muslime benachteiligt werden, unter Generalverdacht stehen. Die Kleidung konservativer Muslimas gilt fälschlich als Hindernis für die Integration, als Abgrenzung der betreffenden Muslime von unserer Gesellschaft.

Um diese Muslime zu verteidigen, vor allem die Frauen unter ihnen, die Hidschāb und Niqāb tragen, stelle ich - nicht als Islamgelehrter, aber nach bestem Wissen und Gewissen - hier einen sehr konservativen Islam vor, der auch im Hinblick auf die Kleidung der Frauen konservative Vorstellungen vertritt. Ich halte einen solchen Islam für durchaus kompatibel zu unserer Gesellschaft, die Frauen in Hidschāb und Niqāb für sehr wohl integrierbar. Für mich gehört dieser Islam zu Deutschland, gehören auch Hidschāb und Niqāb zu Deutschland.

Ich glaube, dass der hierzulande geförderte progressive Islam und der eher skeptisch gewertete konservative Islam beide gleichermaßen ihre Daseinsberechtigung in Deutschland haben. Ich glaube auch, dass der Staat keine der beiden Richtungen bevorzugen darf, was jedoch derzeit geschieht. Der Staat ist nicht neutral, er verteidigt die Religionsfreiheit der konservativen Muslime nicht ebenso energisch wie die Religionsfreiheit der progressiven Muslime.

Darum stelle ich hier eher einen konservativen Islam vor, der sich an den vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam orientiert. Ich tue dies nicht, weil ich einen solchen Islam für den „wahren Islam” halte, sondern weil auch dieser Islam ein Recht auf Verteidigung hat, wo es um die freie Ausübung der Religion geht.

Ich bin wie gesagt überzeugt, dass der konservative Islam in unsere Gesellschaft integriert werden kann, dass auch sehr traditionelle Formen des Hidschāb und auch der Niqāb bzw. ihre Trägerinnen integriert werden können.

Ich möchte deutlich machen, warum auch ein traditioneller Hidschāb und ein Niqāb zum Islam gehören, ihre Berechtigung haben. Ich versuche darzulegen, warum Behauptungen wie, „der Niqāb hat nichts mit dem Islam zu tun... es gibt keine Pflicht zum Hidschāb und Niqāb im Islam” nicht haltbar sind, wenn man sich die traditionellen Rechtsschulen ansieht.

Letzten Endes ist die Religionsfreiheit aber die Freiheit eines jeden Menschen, seine Religion gemäß seiner frei gebildeten Glaubensüberzeugungen und Bekenntnisse frei auszuüben. In Deutschland wird der Religiöse leider zunehmend Deutungshoheiten Dritter unterworfen. Wir fragen nicht, welche religiösen Überzeugungen sich ein gläubiger Mensch durch Nachdenken und Reflektieren und Debattieren mit anderen gebildet hat, sondern was vorzugsweise uns genehme Dritte sagen. So wird die Religionsfreiheit mehr und mehr auf bestimmte Lehrmeinungen reduziert. Damit sind wir aber auf dem Weg zu einer Staatsreligion, in der Gesetzgeber und Richter sagen, wie wir unsere Religion ausüben dürfen.

An dieser Stelle biete ich eine konservative Lesart, um zu zeigen, dass die konservativen Muslima, die Hidschāb und Niqāb tragen wollen, nicht alleine sind.

Das bedeutet nicht, dass ich diese Überzeugungen teile - auch wenn ich sehr wahrscheinlich, wenn ich denn jemals zum Islam konvertieren würde, ein sehr konservativer Muslim wäre, vermutlich ein Salafi. Ich würde mich an den traditionellen Rechtsschulen orientieren.

Aber als Christ bestehe ich auf einer gleichberechtigten Behandlung progressiver bzw. liberaler und konservativer Muslime, auf eine Gleichbehandlung eines „stylischen” Kopftuches und eines traditionellen Hidschāb, die auch das Recht auf den Niqāb einschließt, der sich ja nur graduell, nicht aber prinzipiell vom Hidschāb unterscheidet. Ich bestehe auf einer gleichberechtigten Integration auch von Frauen mit Niqāb.

Ich weiß natürlich, dass unter den konservativen Muslimen auch solche sind, die Gewalt bejahen oder Gewalt ausüben oder dazu aufrufen. Das lehne ich selbstverständlich ab, möchte aber keinen Generalverdacht gegen konservative Muslime oder auch Salafi. Ich denke aber auch, dass eine Gesellschaft, die konservative Muslime ablehnt und ausgrenzt, solche Extremisten erst produziert. Die Hetzer hätten viel weniger Zuhörer, wenn die Gesellschaft auch konservative Muslime integrieren würde. Jede ausgegrenzte Niqābi wird womöglich früher oder später zu den Zuhörern der Hetzer gehören, wird sich ihnen anschließen.

Ich möchte die konservativen Muslime für unsere Gesellschaft gewinnen - darum stehe ich demonstrativ an ihrer Seite, erkläre ausdrücklich, dass sie zu Deutschland gehören, auch die Mädchen und Frauen mit einem traditionellen Hidschāb oder einem Niqāb. Ich betrachte sie nicht als Fremde, sondern als meine Cousinen, zumal ich ja weiß, dass auch Maria, die Mutter Jesu, als galiläische Jüdin einen solchen Schleier getragen hat.

Als Christ weiß ich, dass wir den Schleier der biblischen Frauen verloren haben, ohne dass es dafür eine biblische Begründung geben würde. Als Christ erlebe ich die muslimischen Frauen im konservativen Hidschāb und im Niqāb immer mehr als diejenigen, die uns einen verlorenen Schatz zurückbringen, die uns einen Zugang zu einer verloren geglaubten Geschichte eröffnen. Ich möchte diesen Schatz nicht zurückweisen.

Das bedeutet - um Missverständnissen vorzubeugen - natürlich nicht, dass ich mir den Schleier in das Christentum (zurück-) wünsche. Nicht zurückweisen möchte ich, wie gesagt, den Zugang zu einer verloren geglaubten Geschichte. Auch deswegen, weil wir den Schleier zu Unrecht als fremd empfinden.