In unzähligen Artikeln ist von „Burka” und einem „Burkaverbot” die Rede - und Freunde von Kreuzworträtseln wissen, dass „Burka” von alters her die russische Bezeichnung für einen halbkreisförmigen rauen Fellmantel ist, der im Kaukasus von Männern getragen wird.

Die „Burkadebatte” dreht sich freilich nicht um diesen Mantel.

BurqaErst seit 2001 - ab dem Afghanistan-Krieges gegen die sogenannten Taliban  - wurde der Begriff „Burka” für die Verschleierung muslimischer Frauen als Lehnwort aus dem Arabischen übernommen - mit dem Umweg über Frankreich.

Der Begriff „Burka” setzte sich im Deutschen weithin durch, um ausdrücklich den Schleier muslimischer Frauen zu bezeichnen und von anderen Formen des Schleiers abzugrenzen. Dies beinhaltet durchaus auch eine gewisse Stigmatisierung und Abwertung muslimischer Frauen, die sich verschleiern.

Viele Deutsche wissen freilich gar nicht so genau, was mit „Burka” gemeint wird - Wikipedia stellt darum fest, dass "in westlichen Ländern (...) unter ‚Burka’ mitunter fälschlich jede Form des Hidschāb verstanden” wird. Und, das sei ergänzt, auch jede Form des Niqāb.

Wer „Burka” sagt, muss also erst einmal erklären, was er eigentlich meint.

Meint er damit jede Form des Hidschāb?

Oder meint er damit jede Form des in Pakistan, Afghanistan, Indien, Bangladesch und Zentralasien als „Burqa'” bezeichneten Schleiers, eines langen, weit geschnittenen Mantels manchmal mit, manchmal ohne Gesichtsschleier?

Oder meint er damit die eigentlich „Chadri” genannte Form des Burqa', also jenen meist blauen Schleier mit der eingenähten Kappe und dem integrierten Gesichtsschleier mit dem Stoffgitter vor den Augen, der in Pakistan und Afghanistan getragen wird und uns von vielen Bildern bekannt ist?

Der Begriff Burka bzw. „Burqa'” kommt übrigens von arabisch برقع‎‎ Burqu', was wörtlich übersetzt „Schleier, Bedeckung, Verhüllung” bedeutet. So verstanden meint Burka jeden Schleier - auch den der Nonne beispielsweise.

NiqabOder meint er den Niqāb, den vermeintlich immer schwarzen Gesichtsschleier mit dem Sehschlitz, der manchmal zusätzlich mit Gaze oder dünnem Stoff verschleiert wird? Der in Deutschland vermutlich mindestens zehn-, zwanzigmal häufiger zu sehen ist als der Chadri?

Niqāb jedenfalls ist ein arabischer Begriff (نقاب), der „(Gesichts-) Schleier” bedeutet und eine Kopfbedeckung meint, die das Gesicht teilweise oder ganz bedeckt. So kommt dieser Begriff auch in einigen arabischen Bibelausgaben vor. Im Prinzip ist auch ein Brautschleier ein Niqāb, ebenso ein Trauerschleier.

„Niqāb” oder „Schleier”?

Da die deutsche Bezeichnung „Schleier” jedwede Kopfbedeckung für Mädchen und Frauen meint, die das Gesicht nicht, teilweise oder vollständig bedecken kann, ist die Gleichsetzung von „Niqāb” und „Schleier” irreführend.

Eher könnte man von einem „Gesichtsschleier” sprechen. Hier denken Deutsche jedoch entweder an einen Braut- oder Trauerschleier, an die Kopfbedeckung einer Nonne, an den Halbschleier aus den 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts oder an die Schleier von Bauchtänzerinnen - und deutschsprachige Theologen an die Kopfbedeckung, über die Paulus in 1. Korinther 11 spricht.

Von daher kann man entweder von einem „arabischen Gesichtsschleier” (nicht „islamisch”) sprechen, oder wir übernehmen die arabische Bezeichnung Niqāb, die auch „Niqaab” geschrieben werden kann (zur Not auch noch „Niqab”, nicht jedoch „Nikab”), als Lehnwort aus dem Arabischen.

Keine Bilder von Frauen mit einem Chadri

In der Debatte werden oft Fotos oder Videos verwendet, die Frauen in einem Chadri zeigen - obwohl es in der Debatte meist gar nicht um den Chadri geht.

Zu einem Text sollte immer ein passendes Bild verwendet werden - nicht eines, das gar nicht zum Text passt.

Geht es um den Niqāb, sollte man auch Bilder verwenden, die einen Niqāb zeigen.

Übrigens ist der Niqāb nicht ausschließlich schwarz - es gibt den Niqāb in allen Farben von weiß über knallige Farben, gedeckte Farben und bis hin zu schwarz.

Words matter - Worte und Bilder haben eine Bedeutung

In einer Debatte, die so leidenschaftlich geführt wie die um den Niqāb und eine Verbotsforderung beinhaltet, die mit dem verfassungsmäßigen Schutz der Religions- und Meinungsfreiheit kollidiert, sollten die Beteiligten korrekte Bezeichnungen und korrekte Illustrationen verwenden.

Wer ein „Burkaverbot” fordert, fordert im Grunde genommen ein Verbot des von Männern getragenen rauen Fellmantels aus dem Kaukasus (der freilich das Gesicht nicht bedeckt).

Es ist wichtig, in der Debatte zu unterscheiden zwischen:

  • Hidschāb (vollständige Bedeckung des Körpers mit Ausnahme des Gesichts und der Hände)
  • Tarha (arabisch für Kopftuch)
  • Başörtüsü (türkisch für Kopftuch)
  • Abaya (arabischer weiter und bodenlanger Mantel, der das Gesicht nicht bedeckt)
  • Čádor (weites halbkreisförmiges Tuch, das vor allem schiitische Frauen im Iran tragen und das meist schwarz ist)
  • Çarşaf (eine Kombination meist aus Rock und Kopfbedeckung, die vor allem von türkischen Frauen getragen wird)
  • Khimar (weites Tuch, das den Kopf und den Oberkörper bedeckt)
  • Niqāb (arabischer Gesichtsschleier)
  • Burqu' (arabischer Begriff, wörtlich übersetzt: Schleier)
  • Burqini™ (Kofferwort aus Burqu' und Bikini)
  • Burqa' (langer, weit geschnittener Mantel in Pakistan, Afghanistan, Indien, Bangeladesch und Zentralasien)
  • Chadri (Burqa' mit integriertem Gesichtsschleier in Pakistan und Afghanistan)

(Die Liste ist bei weitem nicht vollständig, aber vor allem um diese Kleidungsstücke geht es in der Debatte.)

Übrigens: Nicht jedes Kopftuch ist streng genommen auch ein Hidschāb. „Hidschāb” bedeutet, dass Körper und Kopf mit Ausnahme des Gesichts und der Hände blickdicht bedeckt sind und dass auch die Rundungen nicht zu erkennen sind (eigentlich meint der Begriff das islamische Konzept der Geschlechtertrennung durch einen Vorhang oder eine Schranke, so dass sich Frauen und Männer nicht untereinander mischen).

Wer ein Verbot befürwortet, sollte genau sagen, was er verbieten möchte: Den Chadri? Den Niqāb? Den Hidschāb? Dass es de facto niemals darum geht, eine Bedeckung des Gesichts zu verhindern, zeigt sich ja daran, dass die Befürworter eines „Burkaverbotes” stets Ausnahmen festlegen: Masken für Karneval, Fasching oder Brauchtum, Schutzmasken und Schutzhelme, Sonnenbrillen. Im Prinzip alles außer „Burka”.

Nicht verschleiern, auf wen man eigentlich abzielt

Egal wie ein Verbot schlussendlich ausformuliert ist: Es zielt auf Frauen muslimischen Glaubens, die ihr Gesicht aus religiösen Gründen teilweise oder ganz bedecken.

Dabei wird nie definiert, welcher Anteil des Gesichts bedeckt sein muss, weil der Hidschāb vom Gesicht schließlich die Stirn, die Ohren, die äußeren Wangen und das Kinn bedeckt, der Çarşaf darüber hinaus den Mund. All das gehört freilich auch zum Gesicht des Menschen, das allerdings auch durch Haare, die über die Stirn oder über die Ohren frisiert sind, oder durch einen Bart blickdicht bedeckt sein kann. Und wenn es um die Mimik geht: Sonnenbrille und Botox-Injektionen wirken wie ein Gesichtsschleier.

Wer aber von „Ungleichbehandlung”, „fehlender Gleichberechtigung”, „Unterdrückung”, „Geschlechtertrennung” usw. redet, meint freilich ohnehin nur Frauen muslimischen Glaubens (und will de facto muslimische Frauen dafür bestrafen, dass sie seiner Überzeugung nach unterdrückt sind) - und müsste nun eigentlich erklären, warum er nur von Niqāb & Co. spricht, nicht aber auch von Hidschāb & Co. - die Unterschiede sind nämlich gradueller und nicht prinzipieller Natur. Warum drückt nur der Niqāb angeblich Ungleichheit aus, der ebenfalls nur von Frauen getragene Hidschāb oder der Çarşaf aber nicht?

Und an dieser Stelle ist auch zu fragen: Warum behandeln wir den Hidschāb muslimischer Frauen anders als den Tichel (das Kopftuch) oder den Scheitel (die Perücke) jüdischer Frauen oder die Kopfbedeckung christlicher Frauen, seien es Nonnen oder Gottesdienstbesucherinnen?