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Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 11. Februar 2011 um 19:31 Uhr

Ist die Einigkeit, mit der Muslime und Nichtmuslime gegen die " Burka" (nicht nur) im Büro vorgehen, ein Zeichen dafür, wie  ZEIT ONLINE meint. daß "Muslime selbstbewusster gegen den Extremismus in ihrer Religion vorgehen"?

Auf jeden Fall verbietet sich die Gleichsetzung von "Burka" und "Extremismus". Es mag eine gewisse Schnittmenge geben, aber damit hat es sich dann auch.

Im Übrigen atmen Bekleidungsvorschriften, wenn es um religiöse Textilien geht, seien es nun Gebote oder Verbote, immer den Pesthauch des Extremismus.

Im Hinblick nicht auf die Muslime, sondern den einen oder anderen islamischen Verband - die bekanntermaßen nicht das Mandat haben, für die Muslime oder auch nur deren Mehrheit zu sprechen -, erscheint es mir darüber hinaus wahrscheinlich, daß das Burkaverbot nicht etwa begrüßt wird, weil man gegen Extremisten vorgehen will, sondern weil sich hier eine wunderbare Möglichkeit findet, den Fuß in die Tür zu setzen.

Zum einen nimmt sich eine Gesellschaft, die, auf welcher Ebene auch immer, Bekleidungsvorschriften erläßt, jede Legitimation, anderswo Bekleidungsvorschriften zu kritisieren. Das Verbot der Verschleierung führt dazu, daß wir uns lächerlich machen, wenn wir anderen Bekleidungsvorschriften vorwerfen.

Zum anderen aber ist die andere Seite des Burkaverbots die Kopftuchpflicht. Diese Verbände nutzen ihre "Kooperation" im Hinblick auf die Verschleierung, um die Bedingungen für Kopftuch tragende Frauen nicht nur zu verbessern, sondern um hier auch einen moralischen Druck aufzubauen. Mehr Burkaverbot, so deren Rechnung, bedeutet dann auch mehr Kopftuch.

Zu beachten ist aber auch die dritte Dimension: Ist erst einmal eine Bekleidungsvorschrift im Hinblick auf religiöse Textilien in Kraft getreten, ist erst einmal ein "Religionsgesetz" in öffentlichen Ordnungen, in Gesetzgebung und Rechtsprechung verankert, sind die Hürden geringer, dies zu erweitern. Diese Verbände rechnen meiner Überzeugung nach mit der Möglichkeit, früher oder später auf dieser Schiene religiöse Überzeugungen im Sinne ihres Verständnisses der "Scharia" einzuführen. Aus der jetzigen "Anti-Burka-Scharia" wird letzten Endes wohl eine ganz andere Rechtsordnung erwachsen. Die rechtlichen Grundlagen haben wir geschaffen, als wir im Hinblick auf religiös begründete Bekleidung Gesetze gefordert und verwirklicht haben.

Ich bezweifle ohnehin, daß alle Verbände, die sich hier und heute für ein Verbot des Schleiers einsetzen, das auch als "ewig gültige Wahrheit" sehen und nicht nur als "Gebot der Stunde". Hier sind bei einigen Verbänden und Organisationen Zweifel angebracht.

Hier gilt wohl bei dem einen oder anderen verbands-islamischem Befürworter eines Burkaverbotes: Aufgeschoben, nicht aufgehoben. Zur Not sagt man eben "Burka" und meint nicht, wie die Mehrheitsgesellschaft, jegliche Form der Verschleierung, sondern eben genau diese eine Form der Verschleierung, die Burqa, wie sie etwa in Afghanistan und Pakistan getragen wird

Im Hinblick auf die Verschleierung, so nehme ich an, befürworten die meisten islamischen Verbände und Organisationen ein Moratorium, nicht aber eine Abschaffung.

Wie dem auch sei, religiöse Bekleidungsvorschriften in einem weltanschaulich neutralen Staat sind eine Ungeheuerlichkeit. Was kommt als Nächstes - eine Religionspolizei, die auf Einhaltung dieser Vorschriften achtet?

In jedem Fall hat unser Staat wieder ein weiteres Stück seiner nicht nur aus Gründen der allgemeinen Religionsfreiheit gebotenen weltanschaulichen Neutralität aufgegeben. Statt eine echte Trennung von Staat und Religion zu vollziehen, verzahnen sich beide Wirklichkeiten mehr und mehr. Dadurch, daß dieser eine "Zahn" ein Verbot darstellt, wird dieser Vorgang verschleiert, und man muß genau hinsehen, um zu erkennen, was sich da abspielt.

Anderes Thema: Wirklich witzig ist freilich, daß ZEIT ONLINE überhaupt kein Problem damit hat, mit der ach so bösen "Burka" Geld zu verdienen - unter dem oben verlinkten Artikel fand ich in meinem Newsreader eine Werbeanzeige zu einem Online-Shop mit muslimischer Fashion (www.muslima-fashion.de). Und dort wird man dann auch darauf hingewiesen, daß bald auch die "Burka" zum Sortiment gehört: "Wir erweitern ständig unser Sortiment, demnächst finden Sie in unserem Angebot für Damen verschiedene Khimar, Niqab, Kaftan und vieles mehr" (Hervorhebung im Original, Screenshot der Anzeige in meinem Archiv). 

Aber ich gehe ohnehin davon aus, daß jedes Burkaverbot dort seine Grenzen findet, wo es ums liebe Geld geht. Gäbe es für Arbeitgeber einen Zuschuß, um verschleierte Mitarbeiterinnen einzustellen, würde wohl kaum ein Arbeitgeber auf die "Burka-Frau" verzichten wollen. Mit Leichtigkeit würden sich mehr als genug Arbeitgeber finden, um die schätzungsweise 4 - 6.000 komplett verschleierten Frauen zu beschäftigen - nicht nur als Putzfrauen in der Nachtschicht.

Nicht umsonst wird bei allen Diskussionen um Burkaverbote in der Öffentlichkeit immer wieder darauf hingewiesen, was dies für "reiche Touristinnen aus Arabien" oder vielmehr: was dies für die hiesige Wirtschaft bedeutet.

Bei der Burkadebatte geht es immer wieder um Geld. Nicht besonders kluge Geschäftsleute mögen befürchten, daß die verschleierte Frau schlecht für die Wirtschaft ist (außer eben der "Harem" der Öl-Scheichs, die hierzulande höchst willkommen sind). Man kann sich scheinbar nicht vorstellen, daß diese Frauen jene schönen Güter und Dienstleistungen kaufen, mit denen sich gutes Geld verdienen läßt. Die "Burka" muß weg, die Frauen dann arbeiten und ihr Geld mit vollen Händen ausgeben.

Daß dies überaus blödsinnig und kurzsichtig kalkuliert ist, sollte sich eigentlich von selbst verstehen.

Andererseits: Burka sells. Egal ob es nun um die Medien geht oder um Politiker: Mit der Burka und mit dem Burkaverbot läßt sich Auflage machen und lassen sich Wählerstimmen kassieren und läßt sich von echten Problemen ablenken.

Und wie gesagt: Im Kampf um das Kopftuch ist das Burkaverbot für gewisse islamische Verbände pures Gold. Die Einwilligung in das Burkaverbot will man sich vergüten lassen: Unser Nein zur Burka für euer Ja zum Kopftuch lautet die Devise.

Alle diese Ebenen der Burkadebatte finden freilich statt, ohne mit den Frauen zu sprechen, um die es geht. Und ich fürchte, manchmal ist die Versuchung groß, sich hier ein gewisses Schweigen zu erkaufen.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 15. Februar 2011 um 15:34 Uhr
 

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