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Im Bonner "Generalanzeiger" kommentiert Thomas Wittke die von den Medien aufgebauschten Vorgänge um eine verschleierte Mitarbeiterin im Frankfurter Bürgeramt. Ein paar seiner Sätze kann ich nicht unkommentiert stehen lassen.
Wittke schreibt, es sei "nicht nur rechtlich geboten, sondern politisch hoch korrekt, wenn eine Stadtverwaltung auf unverschleierte weibliche Bedienstete Wert legt. Auch wenn es nur ein Einzelfall sein mag: Im Kern steckt dahinter eine absichtsvolle Provokation, wie auch die übergroße Mehrheit der organisierten Muslime weiß."
Wenn Wittke die Provokation auf Seiten der Stadtverwaltung liegen sähe, hätte er sicherlich recht. Wie mir scheint, wurden die Medien von Personen aus der Stadtverwaltung in Kenntnis gesetzt und haben dann eine Schlagzeile gewittert, die eigentlich keine sein sollte.
Leider rmeint Wittke, die verschleierte Frau hätte provoziert - was sicherlich nicht der Fall ist. Sie hat ganz offensichtlich nicht danach getrachtet, Mittelpunkt einer lautstark und erregt geführten Debatte zu werden. Sie wollte meiner Überzeugung nach nicht provozieren.
Die ganze Aufregung allein ihr in die Schuhe zu schieben, ist nicht fair. Und auch wenn manche das Verhalten der Frau provozierend finden: Wenn man in unserem Land Angst haben muß, auf die Einhaltung der Religionsfreiheit zu bestehen, dann läuft bei uns etwas ganz gewaltig schief.
Wittke weiter: "Die Vorstellung von Burka tragenden Bediensteten in Behörden kann - bei allem Respekt vor Religionen und bei aller aufzubringenden Toleranz - nur abschreckend wirken. Die Deutschen leben gut und gerne in einem Land mit internationalem Flair, in dem Juden, Muslime und Christen sehr gut miteinander zurechtkommen. Dieses aufgeklärte Miteinander würde durch demonstrative religiöse Symbolik im Behördenalltag schnell zerstört."
Nun, wenn dem so wäre - wofür der Beweis aussteht -, dann würde das auf jeden Fall eine ganze Menge über uns aussagen. Daß wir nämlich gar nicht so aufgeklärt sind, wie wir uns gerne sehen, nicht so tolerant, wie wir uns gerne sehen. "Religiöse Symbolik" wird ja in erster Linie im Auge des Betrachters zur Demonstration. manch einer empfindet schon das Kruzifix an der Wand, das Kreuz an der Halskette, das Kopftuch einer Muslima als "Demonstration". Wer legt die Grenzen fest - so, daß dieses Empfinden denn auch in Recht und Ordnung verankert ist?
Wittke fährt fort: "Das Zusammenleben ist ohnehin nicht risikofrei, weil selbst die überzeugtesten Multi-Kulti-Anhänger die Frage nicht beantworten können, wie das Tragen einer Ganzkörperverhüllung mit der Menschen- und Frauenwürde zu vereinbaren ist. Die Antwort ist einfach: Sie ist es nicht."
Die Antwort, die Wittke gibt, ist zu billig zu einfach. Wie kommt es, daß jede dritte Frau, die sich verschleiert, eine zum Islam konvertierte Deutsche ist? Wie kommt es, daß viele sich gegen den Rat ihrer Väter, Ehemänner... verschleiern? Wie kann der Zwang gegen den Schleier nicht ebenfalls als unvereinbar mit der Menschen- und Frauenwürde gesehen werden? Der alte Zopf, der Schleier sei gegen die Würde der Frauen und ihre Gleichberechtigung, gehört abgeschnitten, wenn nicht endlich der Beweis erbracht wird, daß die verschleierten Damen samt und sonders unterdrückt sind.
Wir pflegen hier ein Bild, das mit der Realität offensichtlich nichts zu tun hat - vielleicht, weil es uns lohnend erscheint, daß es da Frauen geben könnte, die noch unter unseren Frauen stehen. Das wiederum würde ein grelles Licht auf uns werfen.
Wittke weiter: "Frankreich macht gerade die Erfahrung, wie schwierig die Durchsetzung eines Verbotes gegen erhebliche gesellschaftliche Widerstände ist, auch wenn das Burka-Verbot einer guten Sache, nämlich der Durchsetzung des Grundanspruchs auf die individuelle Würde, dient."
Offenbar sieht Wittke nicht, daß zur individuellen Würde eben auch das Recht gehört, einen Schleier zu tragen, wenn frau das will und freiwillig tut. Verbietet man es ihr, dann verletzt man ihre Würde. Wir kommen nicht um die Erkenntnis der Wahrheit herum, daß jede Art von Zwang die Menschenwürde verletzt, auch wenn es scheinbar zum Wohl der betroffenen Frau geschieht. Denn man setzt ja voraus, daß sie nicht weiß, was sie will, daß sie nicht im Vollbesitz ihrer geistigen Kräfte ist, daß sie von Leuten, die es besser wissen, geführt werden müssen. Hier wird Entmündigung gepredigt. Was kommt als Nächstes? Muß die Frau, die nicht aus ihrem "Stroffgefängnis" heraus will, zu ihrem eigenen Besten ins Gefängnis - oder reicht, wie in Frankreich, eine Geldstrafe und "staatsbürgerlicher Unterricht", um die Frauen vor sich selbst zu retten?
Wittke etwas weiter unten: "Es sind im Grunde Relikte aus der (finstersten) Steinzeit, die rücksichtslos einen Platz im 21. Jahrhundert für sich beanspruchen. Unter anderem wegen dieser Entrechtung der Frau, die in ihrem weit gehenden Ausschluss von Bildung und Ausbildung mündete, wurde und wird in Afghanistan Krieg geführt."
Wir führen in Afghanistan Krieg, um die Frauen dort zu "retten"? Das glaubt Wittke hoffentlich nicht wirklich.
Zum blanken Hohn wird Wittkes Aussage, wenn man bedenkt, daß wir hier eine Frau haben will, die im Berufsleben perfekt integriert war - bis man ihr plötzlich den Stuhl vor die Tür stellt, weil für ihren Schleier kein Platz sei.
Wer nun auf die Entrechtung der Frauen in Afgahnistan unter den Taliban (die unter dem neuen Regime kaum verändert fortgeführt wird) damit reagiert, hier ein Burkaverbot einzuführen, legitimiert mit dieser Bekleidungsvorschrift die Bekleidungsvorschriften der Taliban und anderer Hardliner. Wir nehmen uns jede Möglichkeit, auf kritikwürdige Umstände hinzuwreisen. Wir werfen mit Steinen auf die Taliban, aber sitzen dabei selbst im Glashaus.
Wenn wir muslimischen Frauen nicht die Freiheit gewähren, ihre Kleidung selbst zu wählen, können wir nicht von Afghanistan, dem Iran, Saudi-Arabien usw. verlangen, den Frauen die Freiheit zu gewähren, ihre Kleidung selbst zu wählen. Mit Recht lachen sie uns für dieses Ansinnen aus und fordern uns auf, erst einmal vor der eigenen Tür zu kehren.
Selbstverständlich werden wir Frauen helfen, die zur Verschleierung gezwungen werden. Das erreichen wir aber nicht mit einem Burkaverbot, das dann nur dazu führt, daß diese Frauen eben das Haus gar nicht mehr verlassen dürfen. Und in keinem Fall können wir erwarten, daß wir Zwang mit Zwang bekämpfen können.
Verschleiert im öffentlichen Dienst?
Verschleiert im öffentlichen Dienst?
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