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Toleranzgrenze überschritten? PDF Drucken E-Mail
Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Mittwoch, den 02. Februar 2011 um 13:29 Uhr

In "op-online.de" schreibt Siegfried J. Michel zum aktuellen Burkadebatte in Frankfurt, die  Toleranzgrenze sei überschritten. Weil Michel wohl ziemlich genau ausdrückt, was der deutsche Michel in dieser Angelegenheit denkt, möchte ich seinen Artikel ausführlich kommentieren.

"Toleranz bedeutet Respekt", schreibt Michel, "Akzeptanz und Anerkennung der Kulturen unserer Welt, unserer Ausdrucksformen und Gestaltungsweisen unseres Menschseins in all ihrem Reichtum und ihrer Vielfalt."

Toleranz bedeutet zuerst einmal Duldsamkeit. Wikipedia zufolge ist  Toleranz "allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten. Gemeint ist damit heute häufig auch die Anerkennung einer Gleichberechtigung unterschiedlicher Individuen."  Mein "Bertelsmann Universal Lexikon" von 1993 schreibt, Toleranz sei "die Respektierung von Meinungen, Wertvorstellungen u. Verhaltensweisen, die von den eigenen abweichen; Duldsamkeit, bes. bei weltanschaul. Gegensätzen".

Wenn ich das so lese, dann stellt sich für mich zuerst die Frage nach unserer Toleranz für jene Muslima, die ihren Schleier auch an ihrem Arbeitsplatz im Bürgeramt der Frankfurter Stadtverwaltung tragen möchte.

Immerhin tritt bisher nur die weitreichende Intoleranz des deutschen Michel zutage, der es der Frau verwehren will, ihre Religion frei und ungestört auszuüben - wobei ihm abzuspüren ist, daß es vor allem mangelnde Erfahrung, aber auch mangelnde Bereitschaft zu lernen ist, die ihn vor der "Burkafrau" zurückschrecken läßt. Ohne auch nur einen Blick hinter den Schleier der Frau geworfen zu haben, sieht er nur Zerrbilder der Burqa aus Afghanistan und Pakistan, die hier vermutlich gar nicht zur Debatte steht und verbindet damit Vorurteile und Verdächtigungen, die ihn so weit treiben, daß er der Frau auch üble Machenschaften unterstellt.

Erst einmal ist der Deutsche zur Toleranz aufgfordert, der betreffenden Frau ohne Vorurteile und böse Unterstellungen zu begegnen. Es gilt die Unschuldsvermutung - und nicht die Verurteilung aufgrund einer mutmaßlichen üblen Gesinnung, und sei es nur die Mutmaßung, die Frau sei zur Toleranz unfähig.

Über die Toleranz schreibt Michel weiter, daß  gefördert wird "durch Wissen, Offenheit, Kommunikation und durch Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens."

Im Hinblick auf die marokkostämmkge Deutsche, die als zuverlässige Mitarbeiterin der Stadtverwaltung bekannt ist, herrscht weithin alles andere vor als Wissen, Offenheit, Kommunikation, Freiheit des Denkens, der Gewissensentscheidung und des Glaubens. Man spricht über sie, nicht mit ihr. Man unterstellt ihr, sie sei im Hinblick auf den Islam und die Geplogenheiten in Deutschland unwissend, sie sei gegenüber unserer Gesellschaft und ihrer Werte verschlossen, verweigere die Kommunikation, sei nicht frei im Denken, sondern beeinflußt, dies auch in ihrem wohl irgendwie verblendeten Gewissen und ihrem wohl irregeleiteten, sicherlich fundamentalsitischem Glauben.

Nach Michels Worten fördern wir unsere Toleranz so sicherlich nicht, nein, wir werden zunehmend intolerant, ignorieren Wissen, verschließen uns, verweigern die Kommunikation mit den Frauen, um die es hier geht, verweigern grundlegende Freiheiten. Hier zeigt sich eine Gesellschaft auf dem Weg in die Intoleranz - eine erschreckende Darstellung.

"Toleranz", so Michel weiter, "ist Harmonie über Unterschiede hinweg. Sie ist nicht nur moralische Verpflichtung, sondern auch eine politische und rechtliche Notwendigkeit. Toleranz ist eine Tugend, die den Frieden ermöglicht". Muß ich an dieser Stelle noch etwas sagen, wenn es um unsere Toleranz geht? Wir Deutschen geben hier ein wirklich trauriges Bild ab.

Wir erfahren nun, daß Michael seine Worte aus "Artikel 1 der im Jahr 1995 von den Mitgliedstaaten der UNESCO verabschiedeten 'Erklärung von Prinzipien der Toleranz'" zitiert hat (die einleitenden Anführungszeichen fehlen in Michels Artikel) - zitiert, aber auch verstanden? Der Deutsche, der diese Worte liest, versteht er, daß sie auch ihn in die Verantwortung nehmen, daß sie gerade auch die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Minderheiten verpflichten, sich mit ihrer Stärke für deren Schutz einzusetzen?

Der allgemeine Schrecken vor der "Burkafrau" deutet für mich auf eine starke Unsicherheit vieler Deutscher hin, wenn es um ihre eigenen Werte gehen. Das geforderte Burkaverbot sagt mehr über uns aus als über jene Frau in Frankfurt, mehr über unser Selbstbild als alles andere.

"Mit Recht darf man sagen", fährt Michel fort, "dass die Bundesrepublik ein Staat ist, in dem Toleranz, Demokratie und Freiheit gelebt werden, auch wenn es durchaus den einen oder anderen Schatten gibt."

An dieser Stelle muß ich Michel widersprechen. Ich erlebe die Deutschen mehrheitlich als wenig tolerant, demokratisch und freiheitlich gesinnt. Es gibt da mehr als nur "den einen oder anderen Schatten". Muslime erleben diese Schatten derzeit sehr häufig - und am meisten von ihnen die verschleierten Frauen, von denen es hierzulande schätzungsweise 4 - 6.000 gibt. Viele Deutsche sind ihnen gegenüber sehr ablehnend eingestellt, die Ausnahmen, die es gibt, bestätigen die Regel.

"Wer Toleranz von der Gesellschaft für sich einfordert", schreibt Michel, und hier muß ich einhaken.

Niemand in diesem Land muß Toleranz für sich einfordern. Tolerant behandelt zu werden, folgt aus der unantastbaren Menschenwürde. Toleranz muß man sich nicht verdienen, Toleranz muß man nicht einfordern. Jeder Mensch hat das Recht, das er Toleranz erfährt, daß man ihm duldsam begegnet. Dies ist eine Bringeschuld der Gesellschaft.

Unsere Gesellschaft tut sich schwer damit, Toleranz dort zu gewähren, wo sie "nur" an die Menschenwürde gekoppelt ist und nicht mit anderer Währung bezahlt werden kann. Für Toleranz erwarten wir eine Gegenleistung, und manchmal gewähren wir sie wie eine Medaille beispielsweise für soziales Wohlverhalten.

Wer also "Toleranz von der Gesellschaft für sich einfordert, muss dabei beachten, dass er dadurch nicht die Rechte und das Wohlbefinden anderer zur Seite fegt und das gelebte soziale Miteinander unterpflügt."

Lassen wir das mit dem "Einfordern" einmal beiseite, so kann man es stehen lassen, daß diese Gesellschaft zu Recht erwarten darf und auch grundsätzlich einfordern kann, daß niemand "die Rechte und das Wohlbefinden anderer zur Seite fegt und das gelebte soziale Miteinander unterpflügt". Nur so kann eine Gesellschaft funktionieren.

Soweit das, was wir einfordern dürfen und müssen, was natürlich die " Burka-Frau" auch einfordern darf.

Wo aber und wie fegt eine verschleierte Frau die Rechte und das Wohlbefinden anderer zur Seite, wo pflügt sie das gelebte soziale Miteinander unter, wie Michel ihr vorwirft:

"Genau das aber tut die 39-Jährige, die von der Stadt Frankfurt fordert, es müsse akzeptiert werden, dass sie als überzeugte Muslimin künftig ihren Dienst im Bürgeramt nur noch in eine Burka gekleidet ableisten will. Die seit zehn Jahren bei der Kommune beschäftigte Deutsch-Marokkanerin hat mit ihrem Ansinnen die Grenzen der Toleranz überschritten."

Wo bitte schön tut sie das?

Hier muß ich erst einmal wieder das von Michel angeführte "Wohlbefinden" in die Mitte stellen. Es geht hier um das "sittliche Empfinden" der Mehrheitsgesellschaft. In einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung wird dieses sittliche Empfinden durch geltendes Recht "eingehegt" und in händelbare Bahnen gelenkt. Das Recht des Bürgers auf "Wohlbefinden" wird durch Recht und Gesetz eingezäunt. Wichtige Latten in diesem Zaun sind die Menschenrechte, darunter auch die Religionsfreiheit. Jeder Mensch muß es hinnehmen, daß sein "Wohlbefinden" durch die Ausübung der Religion gewisse Belastungen aushalten muß, ob es die Kirchenglocken sind, die jüdische Kippa, das muslimische Kopftuch oder eben auch der Schleier. Der Staat sagt, daß das "Wohlbefinden" insofern schützenswert ist, als daß niemand zum Mitmachen gezwungen werden darf.

Wer aber das "Wohlbefinden" des Individuums über alles stellt und durch den Schleier gefährdet sieht, muß sich fragen lassen, wie er es denn mit dem Minirock hält, der das Wohlbefinden manch eines konservativen oder strenggläubigen Zeitgenossen zur Seite fegt.

Ist die Minirockträgerin nur deswegen im Recht, weil sie mehr Befürworter hat als etwa die verschleierte Frau? Ist der Kreuzgeschmückte nur deswegen im Recht, weil er für sein Schmuckstück, das doch eigentlich ein grausames Marterwerkzeug ist, für viele zudem, die die Kreuzigung als Beleidigung ihres Gottesglaubens  einordnen, ein Ärgernis, mehr Befürworter hat als etwa die verschleierte Frau?

Unterstützer für pro und contra können hier nur schwerlich ein Argument sein, ebenso die "Tradition", die hier oft angeführt wird.

"Unverständlich und die Rechtswirklichkeit negierend ist" Michel zufolge " die Forderung zudem, wenn man bedenkt, dass das Bundesverwaltungsgericht bereits im Jahr 2004 ja sogar die Klage einer muslimischen Lehrerin gegen das Kopftuchverbot abgewiesen hatte."

Nun ist eine Angestellte in einem Bürgeramt sicherlich nicht mit einer Lehrerin vergleichbar, die zudem verbeamtet ist (was nicht bedeutet, daß ich das Kopftuchverbot für Lehrerinnen oder auch Erzieherinnen befürworte, gerade im Hinblick darauf, daß Angehörige anderer Religionen in der Regel keinen Einschränkungen unterliegen, also der Gleichbehandlungsgrundsatz verletzt wird).

"Kopftuch ja - Burka nein", findet Michel und fragt sich, "was mag jetzt diese Frau antreiben?"

An dieser Stelle ist es bedauerlich, daß niemand mit dieser Frau spricht. Überhaupt tun wir uns schwer, mit verschleierten Frauen zu sprechen, wir sprechen fast ausschließlich über sie. Als hätten wir Angst vor Gesprächen mit ihnen, vertreiben wir sie zudem aus der Öffentlichkeit - fürchten wir, daß die Frau unter dem Schleier so ganz anders ist, als wir es erwarten? Ahnen wir, daß unsere Fragen an sie zugleich Fragen an uns selbst sind?

Bedauerlich auch, daß Michael die Frau auf ihren Schleier reduziert beziehungsweise auf ihren Glauben:

"Ist es wirklich nur ihr Glaube? Das kann eigentlich nicht sein."

Wir befinden uns nun im Bereich der Unterstellungen, der Verdächtigungen - da, wo wir Deutschen uns, wie ich fürchte, am Wohlsten fühlen. Die Ebene des miteinander Redens als gleichberechtigte Partner ist verlassen.

"Denn, das sagen selbst Muslime", zitiert Michel, "im Koran gibt es kein Gebot der Vollverschleierung".

Ich liebe diesen Satz. Mit ihm können wir nämlich das Christentum, wie wir es kennen, aus der Welt des Glaubens fegen. Was von dem, was wir Christen im Alltag oder im Gottesdienst tun, ist denn ein biblisches Gebot?

Michel hat ohne es vermutlich zu wissen dem real existierenden Christentum die Existenzgrundlage entzogen. Und, auch daran sei erinnert, auch das Kopftuch findet sich nicht expressis verbis im Koran. Wie kann Michel dann zwar das Kopftuch befürworten, aber den Schleier ablehnen? Er ist hier höchst inkonsequent.

Im Übrigen ist es schlicht und ergreifend unerheblich, was Muslime über den Schleier sagen, seien es nun Verbände oder Organisationen oder was sonst.

In unserer Gesellschaft gilt der Grundsatz, daß jeder Mensch die Freiheit hat, seinen Glauben eigenverantwortlich auszugestalten. So wenig eine "Volkskirche" festlegen kann, wie Christen ihren Glauben praktizieren, kann dies ein "Volksislam" tun. Glaube ist eine Angelegenheit privater Auslegung, nicht gebunden an die Auslegungen anderer, egal wie viele es sein mögen.

Jemandes Glauben für ungültig zu erklären, nur weil er der Glaube einer Minderheit ist, stellt nichts anderes dar als eine Ungeheuerlichkeit. Wir kehren damit zurück ins Mittelalter und lassen Aufklärung und Humanismus hinter uns. Michel führt uns einen Weg ins Gestern - wer will da noch sagen, der Scghleier sei ein Relikt der Vergangenheit, wenn er hier mit unserer Rechtsauffassung konkurrieren muß?

Ich bin an diesem Punkt unnachgiebig, weil ich als Baptist selbst Mitglied einer Minderheitenkirche bin. Hier stehe ich Seite an Seite mit jener Muslima als Frankfurt. Es gibt wohl unter den Christen hierzulande kaum mehr Baptisten, als es verschleierte Frauen unter den Muslimen gibt. Folge ich Michels Worten, habe ich mich unverzüglich einer "Volkskirche" anzuschließen. "Evangelisch ja - Frekirchlich nein" würde Michel wohl sagen müssen. Welches Recht habe ich noch zu meinem Glauben, der doch, folge ich Michel, die Rechte und das Wohlbefinden zumindest anderer Christen zur Seite fegt, das gelebte soziale Miteinander wenigstens der Christen unterpflügt.

Akllerdings zeigt die Erfahrung der Kirchen in Deutschland, daß das Miteinander der verschiedenen Kirchen sehr gut funktioniert, auch der großen Volks- und der kleinen Freikirchen. Welche Rolle kann es dann haben, was die "Volkskirche" über den christlichen und der "Volksislam" über den muslimischen Glauben sagt?

Die Frage nach dem, was die Mehrheit sagt, liefert in solchen Fragen keine Antworten, auch nicht bei der Frage nach dem Schleier muslimischer Frauen.

"Wollte sie eventuell", fragt Michel nach den Motiven der Frau, deren Glauben er ja zumindest für zweifelhaft hält, "für Schlagzeilen in den Medien sorgen? Wenn ja, dann ist ihr das gelungen. Die Frankfurter Burka-Story hat in kürzester Zeit in den Medien weit über den Rhein-Main-Raum hinaus ihren Niederschlag gefunden."

Die Frau hat, wie es völlig korrekt war, den Kontakt mit ihren Vorgesetzten gesucht. Wenn ich das richig sehe, wurden die Medien nicht von der Frau, sondern aus der Stadtverwaltung oder aus der Politik heraus informiert. Die Medien haben dann nach dem Motto "Burka sells" ein großes Thema daraus gemacht. Besonders unangebracht war dabei die Verwendung von Bildern, die Frauen in der Burqa zeigen, auch wenn die Frau vermutlich einen Niqab trägt. 

"Ihren Mitschwestern und -brüdern im Glauben tut die 39-Jährige damit aber keinen Gefallen", behauptet Michel in dem meiner Meinung nach wenig verschleierten Versuch, einen Keil zwischen die verschiedenen Muslime zu treiben, "befeuert sie doch so eine nach dem Fall Thilo Sarrazin schon fast wieder eingeschlafene Debatte, die teils mit mangelndem Respekt voreinander geführt wurde, die Aus- und Abgrenzung befördert hatte."

Diese Debatte hat hierzulande mit dem "Fall Thilo Sarrazin" herzlich wenig zu tun, auch wenn der SPD-Politiker gerne als Sündenbock dargestellt wird. Aber wir tun uns, wie man hier schön sieht, schwer, den Muslimen das mit Sarrazin zu verzeihen.

Sich als Verteidiger der Muslime hinzustellen, steht Michel meiner Meinung nach nicht gut. Wäre ich Muslim, wäre mir Michels Solidarität wenig willkommen, weil er das Spiel "guter Muslim - böser Muslim" spielt.

Wie dem auch sei, die Situation der Muslime wird in diesem Fall höchstens dadurch schwerer, wie der deutsche Michel mit der Situation umgeht, zumal wenn er die einen Muslime gegen die anderen ausspielen will ("die Muslime sagen doch selber...").

"Oder geht es der Frau einfach darum, (Steuer-)Geld einzusacken, wie in Zeitungen berichtet wird", fragt Michel weiter und erreicht damit einen weiteren moralischen Tiefpunkt. "Von 18.000 bis 40.000 Euro reichen die genannte Summen, die Anwälte der Frau von der Stadt Frankfurt als Abfindung für den Fall gefordert haben sollen, dass ihre Mandantin nicht in ihrer Burka Dienst tun darf und der Arbeitsvertrag aufgelöst wird. Bestätigt ist dies bisher nicht. Sollte es aber so sein, dann wäre das ein mieser und an Frechheit kaum zu überbietender Versuch von Abzocke."

So, wie ich das sehe, ist das ein ganz normaler Vorgang, wenn Differenzen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer auftreten. Hierin "Abzocke" zu sehen ist schon reichlich unverschämt. Wir sprechen hier von Dingen, die zur deutschen Arbeitswelt gehören.

Immerhin wird aus dem Umfeld der Stadtverwaltung ziemlich deutlich erklärt, daß man den Glauben der Muslima als authentisch erlebt und nicht glaubt, daß sie den Schleier nur trägt, um sich profane Vorteile zu verschaffen.

In dieser Situation spielt man natürlich alle Möglichkeiten durch. Bisher ist der Schleier am Arbeitsplatz nicht untersagt. Verweigert der Arbeitgeber der Frau, ihre Pflichten aus dem Arbeitsvertrag zu erfüllen und ihre daras resultierenden Rechte in Anspruch zu nehmen, so steht ihr im Falle einer Auflösung des Vertrages mit Sicherheit eine angemessene Abfindung zu. Immerhin ist sie bereit, ihre Arbeitsleistung zu erbringen, und das muß honoriert werden.

"Und auch damit hätte die vierfache Mutter ihren muslimischen Mitbürgern in diesem Land einen Bärendienst erwiesen. Denn negative Schlagzeilen wirken sich leider oft auch auf Nichtbeteiligte aus", führt Michel das fort, was ich als Versuch sehe, Muslime gegeneinander auszuspielen. "Konsequent und richtigerweise heißt es aus dem Römer: Burka nein, Kopftuch wird akzeptiert."

Was daran "konsequent und richtig" sein soll, erschließt sich mir nicht. Wenn es darum geht, daß etwa "dauernd sichtbare Zeichen der Religionszugehörigkeit" verboten werden sollen, wie der hessische Innenminister einen Erlaß gegen den Schleier im öffentlichen Dienst begründet, so muß jedes derartige Zeichen verboten werden - Schleier, Kopftuch, Kreuz, Kippa.

Ein Verbot nur des Schleiers steht rechtlich auf wackligen Füßen, Verbotserlaß hin oder her. Außer, daß man unter einem Schleier eine üble Gesinnung vermutet, gibt es wenig Anlaß, den Schleier zu verbieten, aber das Kopftuch zu akzeptieren. Und eine solche Vermutung verletzt die Pflicht zur Unschuldsvermutung.

Und nur weil jemand sich in seinem Wohlbefindet beeinträchtigt fühlt, kann der Schleier nur dann verboten werden, wenn auch alles andere verboten wird, was jemandes Wohlbefinden verletzten könnte, angefangen beim Kreuz und dann auch schnell das Kopftuch.

"Das", so meint Michel, "ist tolerant genug. Glaubenfreiheit ja, aber eine Burka passt und gehört absolut nicht in unser Gesellschaftssystem."

Wenn dies ein Staat ist, der eine freiheitlich-demokratische Grundordnung hat, dann paßt hier hinein alles, was nicht gegen geltendes Recht verstößt. Dann sind wir zur Toleranz verpflichtet - eine Verpflichtung, deren üble Verletzungen, deren schlimmes Dahinsiechen wir gerade in Frankfurt erleben, weil eine Frau ihr von der Verfassung geschütztes Recht auf freie Ausübung ihrer religion in Anspruch nehmen will.

Es muß uns nicht gefallen, aber dulden müssen wir es, solange sie nicht gegen geltendes Recht verstöß. Wer heute die Burka verbieten will, verbietet morgen viellicht das Kopftuch, weil jene, deren Stimmen Politiker mit dem Burkaverbot heute gewinnen, morgen das Kopftuch auf einem Silbertablett serviert haben möchten.

Und letztöich geht es doch Medien wie Politikern darum: Das Burkaverbot bringt Applaus - gerade auch von Ausländerfeinden, von Islamophoben usw. Niemand scheint sich daran zu stören, keinen Journalisten habe ich darüber seine Meinung kundtun sehen, keinen Politiker davor warnen hören.

"Dies sehen in seltener Einmütigkeit auch die Parteien in der Stadt so" erkennt Michel und fragt nicht, ob es hier nicht ganz profan um Wählerstimmen aus dem rechten und rechtspopulistischen Lager geht.

"Sollte die Frau wirklich den Klageweg einschreiten, so kommt es mit schon an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zu einer Bruchlandung für die Bürgeramtsmitarbeiterin und ihren rechtlichen Beistand. Und das wäre gut so."

Persönlich sehe ich einer etwaigen Klage mit einem gewissen Optimismus entgegen und sehe eher eine Bruchlandung der Befürworter eines Burkaverbotes.

Immerhin ist die Dame, um die es hier geht, weder Lehrerin noch Beamtin, sondern eine ganz gewöhnliche Angestellte. Da ist noch alles offen.

Wie dem auch sei - der Artikel von Michel zeigt, welch klägliches Bild unsere Bereitschaft zur Toleranz abgibt. Und wieder einmal fragt man sich, warum sich eigentlich jeder nur für das Tuch der Frau interessiert, nicht dafür, was wirklich hinter ihrem Kopf vor sich geht.

Es ist erschreckend, daß wir zum einen nur über diese Frauen reden, nicht aber mit ihnen, daß wir sie zum anderen immer wieder auf ihre Schleier reduzieren, auf ihre Religion - und auf unsere Mutmaßungen, Unterstellungen und Vorverurteilungen.

Wenig erfreulich ist zudem, daß Michel zwar die Kopftuchträgerinnen verteidigt, dies aber so daherkommt, als wolle er sie vor allem gegen die verschleierten Frauen ausspielen und auf ihre Kosten eine Toleranz vortäuschen, die in Wahrheit kein Interesse an Kopftuchträgerinnen hat, weil sie auch wieder nur auf ihr Tuch, ihre Religion reduziert werden.

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, den 02. Februar 2011 um 15:03 Uhr
 

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