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Frankfurt: Streit um Schleier PDF Drucken E-Mail
Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Samstag, den 29. Januar 2011 um 13:25 Uhr

In Frankfurt am Main bahnt sich Medienberichten zufolge ein Streit um eine Angestellte im öffentlichen Dienst an, die nach ihrer Elternzeit am 1. Februar ihren Dienst wieder antreten will - angeblich mit einer " Burka" . Tatsächlich dürfte es sich um einen Niqab handeln, eine Burqa ist wohl eher unwahrscheinlich.

Die Frau, die im Bürgeramt der Stadtverwaltung tätig ist, hat ihre Absicht im Vorfeld ihren Vorgesetzten mitgeteilt.

In Frankfurt ist die Aufregung um ein paar Quadratzentimeter Stoff, der hauptsächlich Nase, Wangen, Mund und Kinn bedeckt, aber die Augen für gewöhnlich frei läßt, ziemlich groß (Artikel bei der Frankfurter Neuen Presse bzw. bei der  BILD-Zeitung). Letzteres Blatt titelt sogar: "Burka geht nicht" und verwendet Bilder und Beschreibungen, die nicht zum Niqab gehören, sondern zur Burqa.

Die betreffende Frau soll eine zuverlässige Mitarbeiterin der Stadtverwaltung sein; doch ihre Ankündigung, den Schleier tragen zu wollen, sorgt dafür, daß sie unter Verdacht gerät, irgendwie ungemein Böses im Schilde zu führen - nur so lassen sich die Äußerungen im Hinblick auf die Verschleierung im Dienst zu erklären. Sogar der Vorwurf wurde laut, sie wolle gar nicht mehr arbeiten, sondern verwende den Schleier, um bis zu einem Urteil des Arbeitsgerichtes Gehalt ohne Gegenleistungen zu erschleichen oder sogar eine Entschädigung nach dem Allgemeinen Gleichheitsgesetz zu ergaunern.

Befürchtet wird offenbar zudem, daß, sobald eine verschleierte Frau in der Stadtverwaltung arbeitet, sich plötzlich wildfremde Leute unter dieser "Tarnung" Zutritt verschaffen. Wie realistisch solche düsteren Szenarien sind, darf sich jeder selbst ausmalen. Um jene Dinge zu erreichen, die sich manche Leute als Motiv hinter dem Wunsch, einen Schleier zu tragen, vermuten, sind jeweils etliche andere Wege viel leichter und sinnvoller. Im Angesicht des Schleiers fällt realistisches Denken allerdings offenbar schwer.

Warum sollte irgendwer ein vernünftiges Interesse daran haben, sich unter einem Schleier in die Stadtverwaltung einzuschleichen? Und was begründet den doch immerhin sehr schweren Verdacht, die betreffende Mitarbeiterin könnte ein Interesse daran haben, ihren Schleier anderen zur Durchführung schrecklicher Dinge zur Verfügung stellen? Und warum geht man davon aus, daß eine Person unter dem Schleier völlig unkenntlich wäre? Sie verändert darunter ja nicht ihre Stimme, ihre Bewegungsmuster, ihre Größe, ihre Statur...

Ein Schleier verdeckt nicht viel mehr vom Gesicht als ein kräftiger Vollbart - nur die Nase wird bei einem Schleier zusätzlich bedeckt. Und eine dunkle bzw. verspiegelte Sonnenbrille hat wesentlich stärkere Auswirkungen auf die Begegnung von zwei Menschen von Angesicht zu Angesicht als alles andere, weil eben die Augen maßgeblich hierfür sind. Ein Niqab verdeckt die Augen aber gerade nicht, sondern läßt sie frei.

Die Argumente, die in Frankfurt gegen die Verschleierung der zuverlässigen Mitarbeiterin ins Feld geführt werden, beruhen meines Erachtens in erster Linie auf postmodernem Aberglauben und erinnern an Hexenverfolgungen. Basis der negativen Haltungen sind nichts anderes als zum Teil schwer wiegende Verdächtigungen und Vorverurteilungen - und fehlende Erfahrungen, fehlende Daten, die eine zuverlässige Beurteilung des Vorhabens der Frau erlauben.

Auch spricht ein Schleier weder gegen Gleichberechtigung noch gegen ein "friedliches, gemeinsames und gleichberechtiges Zusamenleben" (und falls jemand anderer Meinung ist, möge er erst einmal nachvollziehbar belegen, wo die Grenze "Gleichberechtigung ja - Gleichberechtigung nein" liegt zwischen Kopftuch, Hijab, Tschador, Tscharschaf, Niqab und Burqa, wie man festlegen will, wie viel Haut gezeigt werden muß und wie viel Haut bedeckt sein darf - und wende das dann bitte auch auf jene Stoffe an, die sich nicht zufällig auf dem Kopf einer Frau befinden).

Gleichberechtigung bedeutet, daß eine Frau nicht gezwungen werden darf, den Schleier zu tragen - oder abzulegen. Gemeinschaft bedeutet, daß wir einander ohne Verdächtigungen und Vorverurteilungen begegnen. Frieden bedeutet, daß man nicht Hexenprozesse durchzieht, sondern sich mit Erfahrungen und Fakten beschäftigt.

Man sollte in Frankfurt erst einmal Erfahrungen mit dem Schleier sammeln. Letztlich kommt es ohnehin nicht darauf an, was die zuverlässige Mitarbeiterin auf dem Kopf trägt, sondern was in ihrem Kopf vor sich geht. Gleichberedchtigung, Frieden und Gemeinsamkeiten sind nicht abhängig von Stoffen, sondern von inneren Einstellungen. Eine wild gerittene Attacke gegen die Verschleierung der Frau wird freilich kaum dazu beitragen, daß sie eine positive Einstellung zu unserer Gesellschaft bewahrt.

Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 29. Januar 2011 um 13:27 Uhr
 

Kommentare  

 
# IdentifikationMichael Molthagen 2011-01-29 14:59
Da in Frankfurt im Hinblick auf das "Problem" der verschleierten Frau immer wieder die Identifikation angesprochen wird, sei daran erinnert, daß der Mensch bei der Identifikation ohnehin höchst fehlbar ist - nicht nur, weil 2 % der Menschen gesichtsblind sind.

Wesentlich sicherer und längst bewährt sind biometrische Systeme zur Identifikation: Handvenenscanne r (würde sogar durch einen Handschuh hindurch funktionieren), Irisscanner, Fingerabdrucksc anner usw. usf. Solche Systeme erlauben eine sehr sichere Identifikation - nicht nur bei verschleierten Frauen.

Die Identifikation kann also im Hinblick auf den Schleier kein Ausschluß-Merkmal darstellen.
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