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Komplett verschleierte Frauen berichten zunehmend, daß die europäische Debatte über Burkaverbote zu Feindseligkeiten gegen sie führt. Man redet einerseits nicht mit ihnen, sondern nur über sie - und zunehmend werden sie Opfer verbaler Attacken. Aus Frankreich wurden auch bereits tätliche Angriffe gegen verschleierte Frauen bekannt.
Die Feindseligkeiten gegen komplett verschleierte Muslimas gehen sowohl von Nichtmuslimen wie auch von "liberalen" Muslimen aus.
Viele verschleierte Frauen verlassen aufgrund der zunehmenden Feindseligkeiten das Haus weitaus seltener als früher - wenn sie es verlassen, dann oftmals nur, wenn es unbedingt erforderlich ist - etwa für Arztbesuche - und dann möglichst nicht alleine, sondern in Begleitung des Ehemannes oder in einer größeren Gruppe von Frauen.
Den Schleier abzulegen, kommt für viele Frauen allerdings trotz zunehmender Feindseligkeiten nicht in Frage. Zugleich führt die Burkadebatte und die Verbotsforderungen dazu, daß die Zahl der muslimischen Frauen, die sich für eine Verschleierung entscheiden, zunimmt.
Möglicherweise führt die Debatte auch zu einer Radikalisierung - und das freilich nicht nur bei verschleierten Frauen, sondern auch darüber hinaus. Die Debatte verschließt offensichtlich jeden Zugang zu den verschleierten Frauen und reißt unüberwindliche Gräben zwischen "ihnen" und "uns" auf, die eine Integration und ein gutes Zusammenleben ganz und gar unmöglich machen.
Dabei ist zu bedenken, daß viele der komplett verschleierten Frauen in Europa nicht etwa aus islamischen Ländern stammen, sondern zum Islam konvertierte Europäerinnen sind. Schätzungsweise jede dritte verschleierte Frau ist konvertiert, ein weiteres Drittel stammt aus eher liberalen muslimischen Familien.
Wer hinter jedem Niqab eine Araberin vermutet und hinter jeder Burqa eine Afghanin, der irrt - diese Frauen bilden nicht die Mehrheit der verschleierten Frauen in Europa. In manchen Orten bilden die Konvertitinnen gar die Mehrheit - in Deutschland etwa ist hier Mönchengladbach zu nennen.
Im Hinblick auf die Konvertitinnen wird freilich auch deutlich, daß die "Integration" immer häufiger nicht allein Migrantinnen betrifft, sondern auch europäische Frauen. Der Schleierdebatte ist darum keine Integrationsdebatte, sondern ist sehr viel komplexer. Der Schleier ist längst nicht mehr Erkennungszeichen der "Fremden" - über die Konvertitinnen ist er durchaus "europäisiert" und Teil unserer Gesellschaft geworden.
In Deutschland etwa tragen schätzungsweise 1.300 bis 2.000 Deutsche, die zum Islam konvertiert sind, den Schleier. Diese Zahl wird in den nächsten Jahren noch deutlich zunehmen; ich schätze, daß jedes Jahr bis zu 100 Frauen neu hinzu kommen. Ebenso stark wächst schätzungsweise die Zahl der Muslimas an, die sich neu für den Schleier entscheiden. Diese neu verschleierten Frauen werden einen immer größeren Anteil aller verschleierten Frauen in Deutschland bilden.
Die Zahl der Frauen, die den Schleier ablegen, fällt demgegenüber weit geringer aus - und die Burkadebatte führt nur in Ausnahmefällen dazu, daß der Schleier abgelegt wird. Eher verringert sie sogar die Zahl der Frauen, die sich zum Ablegen des Schleiers entscheiden, da dies als Schwäche, als Kapitulation empfunden wird - auch als Verrat am Islam, an der islamischen gemeinschaft (Umma) und an Allah. Daran ändert sich auch nichts, wenn einzelne islamische Gelehrte das Ablegen des Schleiers in Europa aufgrund entsprechender Gesetze befürworten.
Der Schleier hat letzten Endes eher wenig mit "fremden Traditionen" zu tun - viele Frauen entscheiden sich sehr bewußt für den Schleier, und je mehr über den Schleier debattiert wird und je mehr sein Verbot gefordert wird, um so häufiger werden sich Frauen finden, die sich für die Verschleierung entscheiden.
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