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Serkan Tören in der WELT gegen die Burka PDF Drucken E-Mail
Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Dienstag, den 10. August 2010 um 10:12 Uhr

Der sich selbst als "gläubigen Muslim" bezeichnende Bundestagsabgeordneter Serkan Tören (FDP) nutzt die Möglichkeit eines Gastkommentars in der WELT "Für einen modernen Islam" zum Anschlag auf die von der Verfassung garantierte Religionsfreiheit, die ihm immerhin einen "modernen, aufgeklärten Islam" ermöglicht - eine Möglichkeit, die er Muslimen, die anders glauben als er selbst, nicht zugestehen möchte.

Törens Beitrag weist die irrige Behauptung auf, die " Burka" sei ein "politisches Symbol" - obwohl erst der Kampf einiger Politiker in islamischen Ländern wie Ägypten gegen die Komplettverschleierung diese zu einem politischen Symbol gemacht hat. Vor diesem Kampf war die Verschleierung nie ein politisches Symbol, sondern Ausdruck des Glaubens. Die Verschleierung als politiusches Symbol - das wurde den streng gläubigen muslimischen Frauen von außen aufgedrückt, und es ist mehr als merkwürdig, wenn jetzt ein heiliger Krieger wider die Burka von einem "politischen Symbol" redet. "Was ein politisches Symbol ist, bestimmen wir" - eine sehr üble Herangehensweise an die Thematik.

"Sich mit offenem Gesicht gegenüberzutreten" mag, wie Tören schreibt, "unserer aufgeklärten und freien Gesellschaft" entsprechen. Allerdings gehört das nicht zu den Bürgerpflichten - das Recht auf Anonymität gehört ebenso wie das recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit und das Recht auf die freie Ausübung der Religion (mit oder ohne politischen Elementen und Symbolen) zu den unveräußerlichen Bestandteilen der Menschenwürde. Das Gesetz unseres Staates etwa schränkt die Pflicht zur Identifikation bewußt ein.

Und wenn "die Burka und das Frauenbild, welches dieses Kleidungsstück vermittelt", in Tören "ein tiefes Unbehagen" auslöst, dann ist das ausschließlich das Problem des Herrn Tören. Oder wollen wir eine Ordnung aufstellen, wie man sich in der Öffentlichkeit zu kleiden habe - und bitte nicht nur ohne "Burka", sondern dann auch gleich ohne Tattoos (vor allem "Arschgeweihe"), Piercings im Gesicht, Leggings bei Frauen ab 21, Punks usw. usf. Auch das Halsband einer 24/7-Sub wäre dann wohl nicht mehr denkbar. Und warum erst bei der Komplettverschleierung ansetzen, was ist denn mit dem Tscharschaf, mit dem Tschador, dem Khimar oder einem Kopftuch, das über die Schultern fällt?

Unglaublich ist, daß Tören erklärt, das Tragen einer Burka sei "ein Verstoß gegen die Menschenwürde", aber Tören toppt auch diese Ungeheuerlichkeit noch: "Über die Menschenwürde kann der Einzelne nicht frei verfügen". Das stimmt in so weit, als daß ich nicht über die Menschenwürde eines anderen verfügen kann. Doch eine Menschenwürde, die der Verfügbarkeit des betreffenden Menschen entzogen wäre, wäre keine Würde mehr, sondern Zwang und Unfreiheit, Leben in einer Diktatur, Fremdbestimmung.

Natürlich muß der Staat gegebenfalls dort eingreifen, wo Menschen ihr Handeln und dessen Konsequenzen aufgrund einer ordentlich diagnostizierten psychischen Erkrankung nicht mehr überblicken und sich oder anderen in erheblichem Maße Schaden zufügen können. Das muß jedoch immer ein Einzelfall sein - und eine Einzelfallentscheidung, in der Justiz und Medizin zusammenarbeiten. Ein geistig gesunder Mensch aber besitzt immer das alleinige Verfügungsrecht über seine Würde.

Des weiteren bezeichnet Tören die Verschleierung als ein "mobiles Frauengefängnis". Von hier ist es dann wohl nicht mehr weit - und Tören schlägt ja auch gleich den Bogen zu Belgien und Frankreich - zu der merkwürdigen Auffassung, "und willst du nicht aus dem Gefängnis raus, mußt du in das Gefängnis rein". Befreiung durch Strafe - ein merkwürdiges Rechtsverständnis keimt da auf.

Nach Äußerungen, die Verschleierung richte sich "massiv" gegen Werte wie Demokratie (was früher einmal die besondere Fürsorge der Mehrheit für die Bedürfnisse der Minderheiten einschloß), Freiheit (die ohne die Möglichkeit einer Wahl, diese auch einzuschränken, eben keine Freiheit mehr ist, sondern Zwang) und Gleichberechtigung (die freilich nicht auf unser westlich-sakuläres Modell beschränkt bleiben darf) verweist Tören freilich auch auf den "Sicherheitsaspekt": "Es kann nicht angehen, dass verschleierte Personen im öffentlichen Raum nicht erkannt werden können." Tören scheint wirklich zu glauben, daß ein Burkaverbot die Sicherheit in unserem Land verbessern würde. Scheinbar werden alle Verbrechen - vom Betrug über den Raub bis zum Terror-Akt - nur und ausschließlich mit Hilfe einer Verschleierung begangen, und würde diese verboten, kehrten sofort paradiesische Zustände ein, eine Welt ohne Verbrechen. Daß die Verschleierung in der Verbrechensstatistik seit jeher nur eine absolut untergeordnete Rolle spielt, scheint Tören vergessen zu haben. Ein Verbot der Verschleierung würde nicht nur kein Verbrechen verhindern, sondern stärkt ausschließlich die Machtbasis der Extremisten und vermehrt den Haß auf unsere Gesellschaft. Erst ein Burkaverbot schafft tatsächlich in meßbarem Umfang Sicherheitsprobleme - während tatsächlich wirkungslose Burkaverbote ein trügerisxches Gefühl der Sicherheit vermitteln.

Es sind Leute wie Tören, die unsere Sicherheit gefährden - und zugleich die Menschenrechte torpedieren und die Menschenwürde von einem Freiheitsrecht zu einem Zwang pervertieren, die mit Kleidergeboten die gleiche Sprache sprechen wie die Machthaber im Iran, in Saudi-Arabien und anderswo - und letztlich auch deren gegen die Frauen gerichtetes Vorgehen legitimieren.

Nicht zuletzt legitimiert Törens Vorgehen gegen einen konservativen, strengeren Islam im Namen eines "modernen, aufgeklärten Islam" das Vorgehen radikaler Muslime in islamischen Ländern, aber auch in Westeuropa gegen einen modernen, aufgeklärten Islam.

 

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