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Europa, so ergeben es Umfragen immer wieder, ist mehrheitlich für ein Burkaverbot, für möglichst umfassende Verbote der Verschleierung.
Dabei sind gerade wir Europäer Meister der Verschleierung - wir leben in einer Gesellschaft der 1001 Schleier.
Brief- und Ferndmeldegeheimnis
Kein Bürger in unserem Land wird auf das Recht verzichten wollen, seine Briefe und Telefonate zu verschleiern. Niemand sollte einen Blick auf unsere Briefe oder den Inhalt unserer Telefonate, E-Mails usw. werfen können.
Und so werden dann auch Absender verschleiert (Postfachadressen, Packstationen, Rufnummerunterdrückung oder gar kein sichtbarer Absender).
Und natürlich wird auvch das WLAN verschleiert - und wehe, Google notiert sich die Orte, wo ein WLAN zugange ist oder schneidet gar den Datenverkehr mit (wohlgemerkt ohne persönliche Daten zu erfassen). Ein Burkaverbot für das WLAN? Undenkbar. Und darum sind versteckte WLAN-Zugangspunkte, ohne sichtbare Kennung, auch der letzte Schrei derer, die alles verschleiern wollen. Wäre ja noch schöner, wenn jeder WLAN-fähige Laptop herausfinden können, wer wo einen WLAN-Zugangspunkt betreibt.
Elektronische Verschlüsselung
Das digitale Gegenstück zum Post- und Fernmeldegeheimnis ist die Verschlüsselung elektronischer Daten wie E-Mails oder auch der Datenverkehr per drahtlosem Telefon oder Internet. Und nicht nur Verschlüsselung, nein, nach Möglichkeit werden die Teilnehmer eines solchen Netzwerks verschleiert, wie wir oben schon sahen. Anonyme E-Mail-Adressen gehören freilich zu verschlüsselten E-Mail auch mit dazu, und die werden dann aber Anonymisierungsdienste im Internet geleitet, über die auch so mancher verschleierte Datenverkehr im World Wide Web läuft.
Ohne Verschleierung geht in der modernen Welt gar nichts mehr, und wehe, jemand will die Burka lüften, einen Blick hinter die Anonymität werfen. Unsere Bits und Bytes sind uns heilig, deren Schleier verbietet uns niemand.
Das gilt natürlich auch für unsere Bankdaten - wehe, die Amerikaner wollen den Schleier lüften, um den Terror zu bekämpfen - das geht natürlich gar nicht.
Anonyme Webseiten
Viele Webseiten, Weblogs, E-Mail-Konten sind komplett verschleiert. Nehmen wir nur einmal einen der bekanntesten Befürworter eines Burkaverbotes in Deutschland, "Politically Incorrect". Die Betreiber treten im Internet nur unter einer alles verhüllenden Burka auf. Angeblich zum Schutz - aber mit dieser Behauptung kriminalisieren solche Leute nur die Muslime und stellen sie als Fanatiker dar, vor denen man sich nur so schützen kann (vergleiche hierzu die Diskussion um den Schleier muslimischer Frauen als Schutz, der angeblich die unverschleierten deutschen Frauen und mehr noch die deutschen Männer "beleidigt" und als amoralische Personen darstellt).
Andere Webseitenbetreiber schieben Anwälte vor, die im Auftrag der Betreiber als Domain-Besitzer fungieren. Hier wird dann der Anwalt zur Burka.
Verschleierte Mission
Kommen wir nun zu den Evangelikalen. Viele von uns Evangelikalen befürworten nicht nur Burkaverbote, sondern verschleiern die Mission als "tätige Nächstenliebe". Die diakonische Hilfe dient vor allem als Türöffner für die missionarische Verkündigung. Zwar knüpft man die Hilfe in der Regel nicht an die Bekehrung und verweigert Unbekehrten oder solchen, die nicht willig sind, sich zu bekehren, die Hilfe, aber der Wunsch, den Hilfsempfänger vom christlichen Glauben zu überzeugen, ist doch stärkste Motivation - und nicht etwa die Hilfe an sich.
Schönheitswahn
Viele Menschen, Frauen wie Männer, treten nicht so in die Öffentlichkeit, wie Gott sie schuf und dann nach der Vertreibung aus dem Paradies mit einfacher Kleidung ausstattete. Nein, wir verschleiern uns mit Kleidung, die mehr ist als nur einfacher Schutz vor der Witterung und Bedeckung unserer Scham, die unsere wahre Persönlichkeit vollkommen verschleiert.
Dazu kommen dann Farben und Cremes und Schmuck - bis hin zu wahnhaften Schlankheitskuren und Schönheits-OPs. Manches ist dabei gesundheitsgefährdend (hohe Absätze, echte oder falsche extreme Sonnenbräune usw.). Spätestens mit 50 Jahren ist die künstliche Schönheit dann zur Burka erstarrt, keine Spur mehr von Natürlichkeit.
Anonyme Bewerbungen
Eine recht neue Idee für den Arbeitsmarkt sind anonyme Bewerbungen. Kein Name, keine Herkunft. Derart verschleiert, sollen Bewerber leichter Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten. Wer einen Ausbildungsplatz oder eine Arbeitsstelle zu vergeben hat, hat es mit einer gesichts- und namenslosen Person zu tun. Und am besten wäre es natürlich, wenn alle Bewerbungen anonymisiert würden, nicht nur die der "Problemgruppen". Zwangsschleier für alle, die einen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz suchen!
Neutrale Berichterstattung
Nicht ganz so neu ist die neutrale Berichterstattung. Wenn sie nichts zur Sache aussagen, sollen Hinweise zur religiösen oder ethnischen Herkunft weggelassen oder eingedeutscht werden (Ausnahmen bstätigen die Regel - ein amerikanischer pro-israelischer Christ als mutmaßlicher Täter wird eher keine neutrale Berichterstattung erwarten können).
Verschleierte Schleierverbote
Auffällig ist der Versuch vieler Befürworter eines Burkaverbotes, dieses zu verschleiern. Frankreich etwa vermeidet in seinem Gesetz zum Burkaverbot njede Erwähnung der Burqa, des Niqab, des Schleiers, der muslimischen Frau oder des Islam. Jeder Mensch weiß, daß es de facto nur um die Verschleierung muslimischer Frauen geht, aber das Gesetz legt einen Schleier über diese Tatsache, obwohl es ohne die freilich nicht sehr häufig in Erscheinung tretenden verschleierten Muslimas gar nicht existieren würde. Ehrlichkeit und Offenheit verschwinden unter einer juristischen Burka.
Noch deutlicher wird dies, wo es Ausnahmen vom Burkaverbot gibt - ich rede jetzt nicht von jenen Masken, die Chirurgen tragen oder von den Schutzhelmen der Motorradfahrer, sondern von Ausnahmen für den Karneval und andere mehr oder weniger volkstümliche Feste.
Wie dem auch sei, die allermeisten dieser in unserer Gesellschaft allgegenwärtigen Verschleierungen sind sinnvoll, und kein vernünftiger Mensach möchte darauf verzichten. Wir brauchen die Vertraulichkeit bei der Post, beim Telefonieren, im Internet, die Vertraulichkeit unserer analogen oder digitalen Daten, die neutrale Berichterstattung, die Möglichkeit fairer Bewerbungen.
Manches brauchen wir nicht, etwa die als Diakonie verschleierte Mission. Daß "Politically Incorrect" & Co. nur verschleiert auftreten, brauchen wir ebenso wenig wie jene Befürworter eines Burkaverbotes, die bei Demos vermummt auftreten. Gesetze zu verschleiern ist aus Sicht einer juristischen Ethik nicht akzeptabel. Über einen Schönheitswahn, der zur Verschleierung der natürlichen Person verkommt, kann man sich streiten - oder auch nicht; über Geschmack soll man ja bekanntlich nicht streiten.
In jede Fall ist die Verschleierung in unserer Gesellschaft weit verbreitet - die obige Liste ist ja bei weitem nicht vollständig. Viele unserer Schleier lassen sich mehr oder weniger eins zu eins auf die Verschleierung muslimischer Frauen übertragen.
Es ist offensichtlich nicht die Tatsache einer Verschleierung an sich, die uns Europäer - anders als etwa die Amerikaner - mehrheitlich zu Befürwortern eines möglichst umfassenden Burkaverbotes macht. Es ist nicht das verhüllte Gesicht, die verhüllte Gestalt - das gehört jedenfalls zu unserer Lebenswirklichkeit dazu. Wir leben in einer Welt der 1001 Schleier.
Aber vielleicht ist es gerade die Tatsache, daß die verschleierte Muslima uns so deutlich an unsere "Schleier" erinnert, daran, daß wir einer dem anderen stets nur mehr oder weniger stark verschleiert gegenübertreten und doch letztlich nie wissen können, was der andere vor uns verheimlicht.
Es ist ja doch so, daß wir diese allgegenwärtige Verschleierung nur deswegen tolerieren, weil sie uns selbst auch nützt. Aber wir müssen immer auch fürchten, daß hinter manch einem Schleier etwas versteckt ist, was uns schaden könnte - ein heimliches Telefonat, eine böse E-Mail, eine Verabredung im Internet, die zu unserem Nachteil wäre.
Die verschleierte Muslima ist der einzige Schleier, der uns selbst nichts nützt. An ihm können wir vielleicht unsere ganze Angst abreagieren, mit der wir uns in dieser Welt der 1001 Schleier bewegen.
Hinzu kommt dann noch die Angst vor dem Unbekannten, die Angst vor dem Islam - um am Ende fordern wir, geschützt etwa durch den Schleier anonymer Webseiten oder anonymer Umfragen, ein Verbot der Verschleierung.
Doch machen wir uns nicht vor: Wir mögen die Schleier muslimischer Frauen verbieten. Aber wir werden auch weiterhin mit 1001 Schleiern zu tun haben - manchmal nützen sie uns, manchmal schaden sie uns. Sicher sein können wir uns nie, ob nicht jemand hinter einem europäischen Schleier etwas ausheckt, sei es ein Politiker, ein Fundamentalist, ein Terrorist, ein böser Nachbar, ein mobbender Kollege, ein wütender (Ex-) Partner, das uns schadet.
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