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Die Soziologin, Publizistin und selbsternannte "Frauenrechtlerin" Necla Kelek hat sich, meiner Erinnerung nach nicht zum ersten Mal, für ein Burkaverbot ausgesprochen - diesmal in dem evangelikalen Magazin "pro" (das sich anscheinend dem Kampf gegen die Burka verschrieben hat).
Dabei ist Keleks Argumentation in höchstem Maße bedenklich.
Es beginnt mit der von WELT ONLINE zitierten Behauptung, "das Tragen des muslimischen Ganzkörperschleiers habe 'nichts mit Religion und Religionsfreiheit zu tun', (...) Hinter der Burka stecke eine Ideologie".
Natürlich hat das Tragen eines Niqab, einer Burqa, eines Tscharschaf oder einer anderen Form der Gesichts- bzw. Komplettverschleierung mit Religion zu tun - und es nicht Keleks Aufgabe, den Muslimen vorzuschreiben, woran sie glauben dürfen und woran nicht. Zum Recht auf Religionsfreiheit gehört eben auch das Recht, die Religion selbstbestimmt ausüben zu dürfen - ohne daß Politiker, religiöse Führer, Soziologen, Journalisten, Blogger oder wer sonst Glaubensinhalte festlegen.
Natüröich ist der Übergang zwischen dem Bereich der Religion und dem der Politik - Keleks Wortwahl "Ideologie" ist polemisch - fließend. Das sind keine getrennten Wirklichkeiten, sondern es gibt Überlappungen, Schnittmengen. Die baptistische Forderung nach der Trennung von Staat und Kirche/Religion ist selbstverständlich eine politische Forderung, die religiös begründet wird. Als Baptist kann ich mich in bezug auf die Religionsfreiheit nicht aus dem politischen Tagesgeschehen heraushalten. Will man Baptisten im Hinblick darauf, daß dahinter eine "Ideologie" stecke, den Einsatz für die Religionsfreiheit und für den Laizismus verwehren? Wenn Kelek konsequent ist, dann muß sie entsprechende Forderungen erheben - aber warum wendet sie sich dann gerade an ein sehr politisches Magazin aus dem christlich-evangelikalen Spektrum, das in gewisser Weise ideologisch gegen die Burka vorgeht, wie das Heft 3/2010 verrät, das in bezug auf Burkaverbote von einem "überfälligen Widerstand" spricht?
Hinter der Komplettverschleierung mögen mehr oder weniger relighiös begründete politische Überzeugungen stecken - das ist nicht gegen hierzulande geltendes Gesetz. Aber vor allem liefert Kelek keinen Beleg dafür, daß hinter jeder "Burka" eine "Ideologie" steckt, sie liefert keine Zahlen, keine Fakten, es bleibt bei einer Anklage auf dem Niveau einer Hexenverfolgung.
"Die Frau hat in der Öffentlichkeit nicht das Recht, ein Mensch zu sein", wird Keleks Kampf gegen die Burka weiter zitiert. Wie kommt es aber dann, daß etliche Frauen - meinen Schätzungen mindetens zwei Drittel, vermutlich deutlich mehr - sich freiwillig, oft sogar gegen den Willen der Familie wie auch der Moscheegemeinde und der islamischen Verbände, verschleiern?
Kelek kann das nicht erklären, darum: "Deswegen müsse der Gesetzgeber eingreifen, selbst wenn es Frauen gebe, die den Schleier freiwillig wählten. Der Staat habe eine Schutzfunktion. Dazu gehöre auch, dass er prüfe, 'ob die individuellen Entscheidungen einer Person gut für sie sind, oder nicht'".
Ich fürchte, daß es Kelek nicht klar ist, aber sie legitimiert damit das Handeln jener Männer, die Frauen zur Verschleierung zwingen, weil "es gut für sie ist" - und sei es nur, um sie vor sexuellen Übergriffen zu schützen. Die Frau wird entmündigt - auf der einen Seite von Männern, die Frauen zum Verschleiern zwingen, auf der anderen Seite von Kelek und anderen, die ihnen den Schleier verbieten wollen. Schleierzwang ist beides. Und Kelek nimmt sich und uns jede Möglichkeit, den Schleierzwang, den es im "real existierenden Islam" durchaus gibt, zu kritisieren.
Jeder Mensch und auch jede Frau hat das Recht, selbst darüber bestimmen zu dürfen, was gut für sie ist und was nicht. Nur in gut begründeten Ausnahmefällen, in der Regel mit psychiatrischem Gutachten und richterlicher Handlungsanweisung, darf man davon ausgehen, daß ein Mensch nicht weiß, was gut und was schlecht für ihn ist, so daß er "entmündigt" werden kann und muß.
Und ein gesunder Mensch darf tun und lassen, was für sie oder ihn gut ist oder aber auch schlecht, solange er dadurch nicht andere gefährdet oder deren Rechten und Freiheiten in unzulässiger Weise zuwiderhandelt.
Was Kelek sagt, ist schlicht und einfach menschenverachtend und stellt unsere freiheitlichen Werte auf den Kopf. Sie schafft nicht nur die Religionsfreiheit ab, sondern auch das Recht des Menschen auf Selbstbestimmung und freie Entfaltung der Persönlichkeit. Mit einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung hat das jedenfalls nichts zu tun.
Keleks Staat, der prüfen solle, "ob die individuellen Entscheidungen einer Person gut für sie sind oder nicht" ist ein Horrorszenario. Warum bei der Komplettverschleierung stehen bleiben? Keleks Forderung verlangt danach, auf alle möglichen Lebensbereiche, auf alle denkbaren Alltagsaktivitäten ausgedehnt zu werden.
Und ja, letztlich kommt man dann natürlich auch zu Keleks islamkritischen Äußerungen; denn damit gefährdet sie sich selbst und auch andere, was jedenfalls nicht gut sein kann, also vom Staat aufgrund seiner von Kelek selbst geforderten "Schutzfunktion" verboten werden muß.
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