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Kopftuch und Burka in scham- und schuldorientierten Kulturen PDF Drucken E-Mail
Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Montag, den 19. April 2010 um 18:59 Uhr

Ein sehr interessantes Thema ist die Auseinandersetzung mit Kopftuch und Burka in  scham- und schuldorientierten (Sub-) Kulturen.

Man könnte annehmen, daß schamorientierte Kulturen eher pro Kopftuch bzw. Burka sind, bis hin zum Schleierzwang, während schuldorientierte Kulturen eher contra Kopftuch und Burka sind. Ich bin allerdings überzeugt, daß dies eine irrige Annahme wäre.

Beginnen wir mit schuldorientierten Kulturen. Hier herrscht m.E. die Haltung vor, "jede und jeder soll tragen dürfen, was ihr oder ihm gefällt". Immer gilt es, das Für und Wider von Regelungen, Gesetzen usw. sorgfältig abzuwägen. Jeder Eingriff in die Freiheit eines Menschen muß nicht nur sachlich und objektiv begründet werden, sondern auch einen so schwerwiegenden Grund haben, daß diese Einschränkung nicht umgangen werden kann. Etwaige Sicherheitsbedenken etwa werden gehört, aber soweit wie möglich versucht man, nur tatsächliche Verstöße zu ahnden, nicht aber Präventivmaßnahmen einzuleiten.

Menschen, die in ihrer Kultur schuldorientiert sind, neigen eher zum rationalen Denken, sie vertrauen weniger auf ihr Bauchgefühl, sondern wollen Argumente hören, prüfen, abwägen. Sie gehen "wissenschaftlich" an die Thematik heran, nicht aber "religiös". Aussagen zur Thematik, die mit "ich glaube, daß..." beginnen, sind ihnen suspekt. Sie wollen Fakten, Statistiken - und sie wollen nicht nur über die verschleierten Frauen sprechen, sondern ebenso oder mehr noch mit ihnen.

Dann haben wir die schamorientierten Kulturen. Hier finden wir sowohl die Befürworter einer Kopftuch- bzw. Schleierpflicht - als auch die Befürworter von Verboten. Hier geht es um Zwang - die einen wollen die Frauen unter den Schleier zwingen, die anderen ihnen den Schleier vom Kopf reißen.

Beide Seiten argumentieren mit dem "Schutz der Frauen". Die einen sagen, daß nur die Verschleierung den Schutz der Frauen gewährleistet, die anderen, daß nur ein Schleierverbot dem Schutz der Frauen dienen kann. Beide nehmen für sich in Anspruch, und das ist typisch für schamorientierte Kulturen, die Frauen als die "Schwächeren" schützen zu wollen (und das gilt nicht nur für Männer, sondern auch für Frauen, die natürlich auf beiden Seiten als Kronzeuginnen gelten).

Wissenschaftliche Fakten spielen bei beiden Fraktionen nur eine untergeordnete Rolle. Beide neigen eher zum  Magischen Denken als zum rationalen Denken, eher zum Bauchgefühl. Viele ihrer Sätze in Bezug auf Kopftuch oder Schleier beginnen mit, "ich glaube, daß...", und natürlich reden sie weit mehr über die verschleierten Frauen als mit ihnen.

In vielen Bereichen ähneln sich diejenigen Leute, die Frauen unter den Schleier zwingen wollen, und jene, die Verbote von Kopftuch und Burka fordern, weit mehr, als man sich das vorstellen kann. Sie kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen - aber der jeweilige Weg dorthin ist beinahe austauschbar. Dennoch stehen sie freilich auf ganz und gar verschiedenen Seiten und bekämpfen sich, zumal ja beide völlig davon überzeugt sind, daß nur sie die alleinigen Mittel besitzen, den Frauen den Schutz zu geben, den sie brauchen. Und der Zweck heiligt die Mittel.

Kulturell schuldorientierte Menschen sitzen in Bezug auf die Kopftuch- und Schleierdebatte zwischen den Stühlen. In ihrer Ablehnung dieser Gruppe sind sich die beiden schamorientierten Gruppen weitgehend einig.

Ich fürchte, man kann keine dieser kulturell schamorientierten Gruppen "bekehren" - schon gar nicht mit rationalen Argumenten, mit Fakten. Schlimmer noch, für viele Menschen sind die "Versprechungen" dieser beiden Gruppen verlockend. "Magisches Denken" und "Schamorientierung" - beide sind wohl entwicklungsgeschichtlich sehr alt und waren für das Überleben unserer Vorfahren oft überlebensnotwendig, rationales Denken und kulturelle Schuldorientierung sind demgegenüber eher jung und hinken evolutionär hinterher. Wir brauchen länger, rationale Entscheidungen zu treffen und der Kultur eine Orientierung zu geben, in der es mehr um die Schuld- als um die Schamfrage geht. Rational auf ein Schuldgefühl zu reagieren braucht nun einmal länger als die vom Bauch her gesteuerte Reaktion auf ein Schamgefühl. Es braucht Geduld, um ihnen zum Sieg zu verhelfen.

 

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