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Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 16. April 2010 um 16:14 Uhr

Sibylle Thelen hat am 14. April in der Stuttgarter Zeitung einen Artikel namens Wie viel Verschleierung halten wir aus? veröffentlicht, den ich ausführlich kommentieren möchte. Der Artikel ist ohne weitere Kennzeichnung als Zitat in normaler Schrift gesetzt, mein Kommentar dagegen eingerückt und in kursiver Schrift.

Wie viel Verschleierung halten wir aus?

Interessant wäre auch die Frage: Wie viel Enthüllung können wir den muslimischen Frauen zumuten? Und wenn sie Kompromisse eingehen, nehmen wir diese überhaupt wahr oder sind wir blind dafür? Es ist nämlich meine Erfahrung, daß sehr viele komplett verschleierte Frauen durchaus kompromißbereit sind - und wir das gar nicht honorieren.

Bisher ist die Integration der komplett verschleierten Frauen eher eine Einbahnstraße, die mit unseren Vorurteilen, Vorbehalten und Forderungen sowie dem Beharren auf unserem Verständnis von Emazipation und Gleichberechtigung als "allein gültige Wahrheit" und unserem missionarischen Bestreben nach deren Verbreitung gepflastert ist und das Recht auf den Schleier eher als einen Akt der Gnade betrachtet, die man bei Wohlverhalten vielleicht und in engen Grenzen gewährt, statt daß wir diesen Frauen wirklich die Artikel 2 bis 4 unseres Grundgesetzes als Menschenrecht zuerkennen: Freie Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichberechtigung, freie Ausübung der Religion.

Niemand wundert sich, der auf dem Weihnachtsmarkt einem Nikolaus begegnet, von dessen Gesicht nicht mehr als die Augen zu sehen sind, weil Rauschebart und buschige Brauen alles Weitere verbergen. 

Tatsächlich, ich wundere mich nicht, weil mir das gar nicht auffällt. Das aber liegt vor allem daran, daß ich Prosopagnostiker bin, "gesichtsblind". Ich erkenne ein Gesicht als ein solches, aber das war's dann auch schon. Alles weitere bis hin zur Mimik bleibt mir verborgen. Vermutlich erleichtert das meinen Umgang mit der Gesichtsverschleierung, weil für mich eben jeder Mensch einen Gesichtsschleier trägt. Es ist mein Alltag - wie für schätzungsweise zwei von einhundert Deutschen. Ein Mensch mit Nikolausmaske, eine Frau mit Gesichtsschleier, ein Mensch "oben ohne" - für mich macht das de facto keinerlei Unterschied.

Etwas anderes ist es, wenn dort eine Burkaträgerin auftaucht und sich unter die Besucher mischt. Genau das konnte man im Dezember in Dortmund erleben. Studentinnen der Textilgestaltung an der TU Dortmund hatten sich verschleiert, um die Reaktionen im öffentlichen Raum zu untersuchen.

Ich denke, man kann dies nicht an einem Tag untersuchen. Die Kürze des Tests verfälscht ihn. Wer die Reaktionen der Menschen kennenlernen will, muß mehr Zeit investieren, bis man sich normal bewegt.

Die Forscherinnen lösten Bedrohungsgefühle, aber auch Aggressionen aus. In einigen Fällen wurden sie verbal attackiert oder körperlich bedrängt. Am Glühweinstand führte allein ihr Anblick zu Irritationen. Die Leute fühlten sich gestört. 

Eine Erfahrung, die z.B. auch stark tätowierte oder gepiercte Personen machen, Personen in auffallender Kleidung (Lack oder Leder), Personen in Frauenkleidern, die ganz offensichtlich Männer sind usw. usf. Der Mensch ist von Natur aus mehr oder weniger stark xenophob.

Die Kulturanthropologin Beate Schmuck, die das Projekt am Institut für Kunst und materielle Kunst leitet, erklärt die Ablehnung mit den unterschiedlichen Vorstellungen von Kommunikation: "Wir wollen beim anderen die Reaktionen ablesen." Viele sähen die Burka zudem als Symbol für die Unterdrückung der Frau im Islam oder auch als Zeichen der Überfremdung.

Ich denke, die Gründe der Ablehnung gehen weit über diese drei Elemente hinaus.

Die Studentinnen haben das Gewand erleichtert wieder abgelegt, denn es schränkt den Blick ein, ist ungewohnt und unbequem. Einige fühlten sich darunter geborgen. Alle waren sich jedoch einig, dass es etwas völlig anderes ist, sich Tag für Tag unter dem Überwurf zu verbergen, womöglich verbergen zu müssen. Im Gegensatz zum Kopftuch, das nicht nur in Deutschland noch vor einigen Jahrzehnten verbreitet war, gab es eine derartige Vollverschleierung in Europa nie. Beate Schmuck fällt nur der transparente Trauerschleier ein.

Daneben natürlich auch der Hochzeitsschleier, den manche ganz romantische Braut heute noch bis zum Kuß vor dem Gesicht trägt. 

Allerdings ist die Aussage, es hätte eine dem Niqab oder der Burqa vergleichbare Vollverschleierung in Europa nie gegeben, unzutreffend, wenn man nicht nur Europa der Moderne und Postmoderne betrachtet. Erstens gehört auch ein Teil der Türkei zu Europa, und dort gab es den Vollschleier in Gestalt vor allem des Tscharschafs seit langer Zweit - vermutlich haben die muslimischen Frauen Istanbuls ihn von den christlichen Frauen Konmstantinopels übernommen.

Gehen wir weiter zurück, so entdecken wir den Vollschleier als selbstverständlichen Bestandteil der griechisch-römischen Kultur. Im ersten Brief des Apostels Paulus an die Christengemeinde in Korinth behandelt, hat dieser Schleier - der alles andere als ein einfaches Kopftuch war - seine Spuren auch im Christentum hinterlassen. Die Frauen des frühen Christentums auf europäischem Boden haben den Schleier sowohl aus der jüdisch-orientalischen als auch aus der griechisch-römischen Kultur übernommen. 

Interessanterweise hat ausgerechnet das Christentum ab dem vierten Jahrhundert, als es mehr und mehr die Staatsreligion Europas wurde, gerade im Bereich der Westkirche die Vollverschleierung verdrängt. An seine Stelle trat das Kopftuch, getragen vor allem von der verheirateten Frau bzw. auch der Nonne (und hier nicht aus religiösen Gründen, sondern um die unverheirateten Nonnen den ehrbaren christlichen Frauen gleichzustellen). 

Heute ist vom einstigen europäischen Vollschleier allein der Tscharschaf als "Erbe" geblieben, der in der Türkei - und auch unter türkischen Frauen in der Diaspora - immer noch verbreitet ist. Die Nonnentracht ist eher eine Cousine, aber kein Überbleibsel der alten europäischen Verschleierung.

Wie kein anderes Kleidungsstück verstört uns im Westen die afghanische Burka, unter der die unsichtbare Kreatur nur durch ein Stoffgitter in die Welt hinausblicken kann. 

Und gerade die Burqa ist im Westen praktisch nicht verbreitet, auch wenn sie als Begriff und Illustration durch die Köpfe der Menschen geistert.

Ähnliches gilt für den saudi-arabischen Nikab, der einen Schlitz für die Augen freilässt, und auch für den iranischen Tschador, der zwar das Gesicht ausspart, doch jederzeit darübergezogen werden kann. 

Es fehlt noch der oben schon erwähnte Tscharschaf, der ebenfalls über Mund und Nase gezogen werden kann.

Angesichts einer solchen Totalverhüllung wird umso deutlicher, welche Errungenschaft die unverdeckte Begegnung ist, sozusagen mit offenem Visier. 

Und hier möchte ich fragen, wo sich tatsächlich Menschen "unverdeckt" begegnen, ohne Masken, mit "offenem Visier"? 

Ich denke, wir alle wissen, daß wir unsichtbare Masken tragen, daß´wir einer dem anderen kaum je in völliger Offenheit begegnen. Wir alle tragen unsichtbare Schleier, maskieren uns. Ich meine hier nicht Make-up, auch nicht solches, das aussieht, als sei die Trägerin in einen Tuschkasten gefallen. Ich meine die Verschleierung unseres Wesens im Alltag.

Und ich bin überzeugt, daß wir gerade deswegen so heftig auf sichtbare Schleier und Masken reagieren, weil wir uns der unsichtbaren Schleier schmerzlich bewußt sind. Jeder Niqab, jede Burqa, jeder Tscharschaf legt den Finger auf jene unsichtbaren Schleier, die wir selbst tragen und die wir bei den anderen Menschen sehen. Aufgrund derer jede "unverdeckte Begegnung (...) mit offenem Visier" nur eine Illusion ist. Niqab & Co. machen uns das schmerzlich bewußt, erschüttern uns darum in unserem Selbstverständnis, darin, wie wir uns selbst sehen, obwohl uns an Offenheit mangelt.

Das schafft Klarheit, im Idealfall Vertrauen. 

Ich bezweifle, daß ohne Schleier per se mehr Klarheit, mehr Vertrauen herrscht als ohne. Kann ich einem Menschen vertrauen, nur weil er keinen Schleier trägt? Wir alle zweifeln daran, empfinden diesen Zweifel als schmerzhaft, und der Schleier legt seinen Finger in diese Wunde.

Es ermöglicht nicht nur die Identifizierung des anderen, sondern zugleich jedem seine Individualität. 

Das Merkwürdige ist, daß auch in unserer so sehr nach Individualität trachtenden Gesellschaft so viele Menschen uniform gekleidet sind, gerade junge Menschen. 

Umgekehrt braucht jeder Mensch die Einbindung in einen "Stamm", eine "Horde"; darauf sind wir evolutionär geprägt. Individualismus, der nicht in die Gruppe eingebunden ist, ist dem Wesen des Menschen fremd. Völlige Individualität ist eine Illusion. Wir streben danach, sind aber nicht sonderlich erfolgreich dabei. Echte Individuen sind selten - und in unserer Gesellschaft muß man sich schon fragen, ob nicht gerade die zum Islam konvertierten Frauen, die sich gegen den Mainstream komplett verschleiern, die eigentlichen Individualisten sind, die wahren Nonkormisten.

Wer sich diesem Geben und Nehmen entzieht, stellt sich außerhalb der Gesellschaft.

Die Erfahrung zeigt eher, daß die komplett verschleierte Frauen aus der Gesellschaft hinaus gedrängt werden. Man kann ihnen nicht pauschal vorwerfen, sich der Gesellschaft zu entziehen - die Erfahrungen weisen hierbei die aktive Rolle eher unserer Gesellschaft zu.

Zudem sind die Zeiten, da weibliche Wesen ihren Blick sittsam zu senken hatten, im Westen vorbei. Frauen sind gleichberechtigt.

So sollte es sein. Aber bei uns sind Frauen oft genug nur dem Wortlaut der Gesetze nach gleichberechtigt. Und erschwerend kommt hinzu, daß dort, wo man den Frauen vorschreiben will, wie sie sich zu kleiden haben, nicht gleichberechtigt behandelt. 

Im Übrigen sollten wie das westliche Verständnis von Gleichberechtigung und Emanzipation nicht zur allein gültigen Wahrheit erklären; denn das sind sie nicht. Viele der komplett verschleierten Frauen sind durchaus emanzipiert - nur legen sie die Schwerpunkte anders. Für sie ist der Schleier durchaus vereinbar mit ihrer Identität als emanzipierte, gleichberechtigte Frau. 

Wenn wir unser westliches Verständnis von Gleichberechtiogung und Emanzipation exportieren wollen, sollten wir uns nicht wundern, wenn dies als "Neo-Kolonialismus" etikettiert wird.

Das schließt eine Begegnung von Gleich zu Gleich, von Angesicht zu Angesicht ein. 

Eine Begegnung von Gleich zu Gleich kann durchaus auch dort stattfinden, wo eine westliche und eine muslimische Frau ihre jeweilige Emanzipation nicht zur allein gültigen Wahrheit erklären, sondern einander stehenlassen. 

"Von Angesicht zu Angesicht" auf die Abwesenheit eines Schleiers zu reduzieren, ist zu wenig. Und es hebt das westliche Verständnis auf die Stufe des Normativen, wertet zugleich das andere, das muslimische Verständnis ab.

Die Suffragetten der Women"s-Liberation-Bewegung von einst kämpften für die freie Selbstentfaltung - und nebenbei gegen begrenzende Kleidungsstücke wie Korsett und Mieder. Die Feministinnen der zweiten Generation haben gleiches Recht eingeklagt - und ihre BHs verbrannt. In dieser Chronik der erfolgreichen Emanzipation nimmt sich die Burka wie ein archaisches Relikt aus, von ähnlicher Güte wie ein Keuschheitsgürtel.

Ich denke in diesem Moment an den verzweifelten Kampf weiblicher, emanzipierter Masochistinnen, sich unterwerfen zu dürfen, demütig, devot sein zu dürfen. Man wollte und will es ihnen kaum zugestehen - weil es eben nur eine "wahre Emanzipation" geben darf. Viele Masochistinnen sind emanzipierte, gleichberechtigte Frauen - und wollen darum auch selbstbestimmt ihren Masochismus leben dürfen, ohne daß ihre Neigung als "archaisches Relikt" verunglimpft wird.

Für viele emanzipierte muslimische Frauen hat der Schleier eine sehr moderne Bedeutung, sie haben ihn bewußt angelegt, oft genug gegen den Willen von Eltern, Ehemännern usw. Für sie bedeutet es freie Selbstentfaltung und gleiches Recht, den Schleier tragen zu dürfen. Es ihnen zu verbieten, torpediert ihre Emanzipation und macht ihre Gleichberechtigung zunichte.

Wer wollte sich schon für die Erhaltung und gar für die Existenzberechtigung eines solchen Kleidungsstücks starkmachen? - Niemand, der für eine freiheitliche Gesellschaft eintritt. So viel ist klar. 

Der Autor dieses Kommentars macht sich dafür stark, gerade weil er für eine freiheitliche Gesellschaft eintritt. In ihr muß jede Frau das Recht haben, sich auch frei für einen Schleier entscheiden zu können. Wer es ihr verbieten will, ist keinen Deut besser als der, der eine Frau zur Verschleierung zwingt.

Wie aber positioniert man sich angesichts des Unerwünschten und dennoch Existenten? Indem man ein Verbot von Burka und Co. ausspricht? Kein wichtiger Politiker in Deutschland verlangt ein solches Gesetz. In Nachbarländern hingegen sind sie in Arbeit - in Frankreich, wo eine Parlamentskommission das vollständige Verschleierungsverbot in öffentlichen Einrichtungen empfiehlt; und in Belgien, wo dem Parlament ein vom Innenausschuss vorbereitetes Gesetz zur Abstimmung vorliegt, das die Burka zwar nicht erwähnt, sondern das Verhüllen des Gesichts generell ( mit explizit erwähnten Ausnahmen) unter Strafe stellt. In Dänemark hat man über das Verbot bereits debattiert, in Italien und den Niederlanden ist es auf der Agenda, ebenso jetzt auch in der Schweiz.

In all diesen Ländern ist die Totalverhüllung ebenso fremd wie selten. Wie in Deutschland liegen meist keine Zahlen vor. In Dänemark weiß man von höchstens zweihundert Nikabträgerinnen. In Frankreich soll es bis zu zweitausend Vollverschleierte geben, darunter knapp vierhundert mit Burka. Viele leben in ihrer Parallelgesellschaft. Mitunter, etwa im Fall von einheimischen Konvertitinnen, mag das ein selbst gewählter Rückzug sein, mitunter ein kulturell bedingter, oft ein erzwungener; insgesamt ist wenig bekannt. Hinzu kommen Araberinnen, die im Tross nach Europa reisen, weil die Operation eines Familienmitglieds ansteht. In Nobelkaufhäusern sieht man das Begleitgeschwader hier und da beim Kauf von Gucci-Taschen.

In Deutschland geht man davon aus, daß etwa ein Drittel der komplett verschleierten Frauen und Mädchen zum Islam konvertierte Deutsche sind, ein weiteres Drittel sind Mädchen und Frauen, die zwar in einem islamischen Umfeld, aber ohne Schleier aufgewachsen sind und sich dann für den Schleier entschieden haben. Das letzte Drittel stammt dann aus einer "Schleier-Familie", was freilich nicht bedeutet, daß sie alle zur Verschleierung gezwungen werden. 

Wer tatsächlich zur Verschleierung gezwungen wird, ist von einem Burkaverbot eher selten betroffen; denn dieser Zwang kommt selten allein. Er kommt meist mit dem Zwang einher, das Haus gar nicht oder höchstens zu einem absolut notwendigen Zweck zu verlassen.

Als kauflustige Kundin mögen Verschleierte willkommen sein. Sonst sind sie das in Europa nicht. Öffentlich wahrgenommen werden Problemsituationen: der Fall des Marokkaners in Frankreich, dem die Einbürgerung verweigert wurde, weil er seine französische Frau zur Komplettverhüllung zwang; 

Dies wurde zwar in den Medien genannt, war aber offiziell nicht der Grund für die Verweigerung seiner Einbügrerung. Im Übrigen lag kein "Zwang" vor, da die Frau sich nach allem, was ich weiß, freiwillig verschleiert. Hier wurde eher nach dem Motto, "was nicht sein darf, kann nicht sein" ein Zwang vorausgesetzt.

der Fall der Burkaträgerin in Amsterdam, der das Arbeitslosengeld mit der Begründung gestrichen werden sollte, sie sei ohnehin unvermittelbar; oder auch der Fall einer Verschleierten auf der Anklagebank eines Gerichts in Österreich, die der Richter wegen "unziemenden Verhaltens" des Saales verwies. Migration und Globalisierung erzwingen neue Entscheidungen.

Also doch verbieten? Der Islamwissenschaftler und Rechtsprofessor Mathias Rohe, der in Erlangen lehrt, würde in seiner Vorlesung keine Vollverschleierte zulassen - wegen der Kommunikation, die so unmöglich sei.

Genau an dieser Stelle setzt mein Protest als Prosopagnostiker ein. Die "Kommunikation von Angesicht zu Angesicht" wird erheblich überschätzt und wird somit zu einem Totschlagargument. Ich habe in der Bildung auf beiden Seiten gestanden bzw. gesessen, als Schüler wie auch als Dozent, immer jedoch so, daß ein jedes gegenüber, mit dem ich je zu tun hatte, einen unsichtbaren Gesichtsschleier trug. Kein Gesicht, keine Mimik. Dennoch war ich auf beiden Seiten erfolgreich, so auch im Beruf und auch anderswo.

Kommunikation profitiert vermutlich von der Fähigkeit, Gesichter zu erkennen - aber diese Fähigkeit ist alles andere als zwingend. Sonst müßte man alle Prosopagnostiker von den Kathedern entfernen, aus dem Lehramt entlassen. Und als Lernende bräuchten sie wohl allesamt Förderunterricht. 

Ein allgemeines Verbot hält er hingegen für juristisch problematisch. Rohe verweist auf das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit, Artikel 2 im Grundgesetz. 

Man denke hier aber mehr noch an Artikel 4 im Grundgesetz, das Recht auf freie Ausübung der Religion.

Solange es keine Anhaltspunkte gebe, dass Vollverschleierung als Deckmantel für kriminelle Handlungen verwendet werde, lasse sich ein pauschales Verbot nicht begründen. Anders könne im konkreten Fall entschieden werden, etwa wenn Hoheitsaufgaben bei der Polizei oder im Schuldienst zu erfüllen sind. Hier ist Totalverschleierung undenkbar. Aber auch wenn Sicherheitsaspekte gelten, eine Identifizierung nötig ist: Verschleierte, die Kinder von der Kita abholen, oder die durch die Passkontrolle müssen? Die Identifikation muss schon gewährleistet sein.

Was man aber auch ohne ein Verbot erreichen kann.

Aber selbst dort, wo sie es ist, bleiben ungute Gefühle. Soll man einem fremden, der eigenen Auffassung widersprechenden Lebensstil Toleranz entgegenbringen, der ja dem eigenen, westlich-säkularen Lebensstil keinerlei Toleranz entgegenbringt? 

Hier nun verläßt die Autorin die sachliche Ebene und steigt auf eine reine Vermutung um, die in Einzelfällen gerechtfertigt sein mag, aber nicht als Pauschalurteil taugt.

Auch Ängste prägen die Debatte. Die Gefahr seien Stereotypisierungen, islamfeindliche Verallgemeinerungen, warnt die Kulturanthropologin Schmuck. Es gehe eben nicht allein um den Schleier. Wieder einmal werde anhand eines weiblichen Kleidungsstücks über politische und kulturelle Deutungshoheit gestritten.

Daß dem so ist, steht ja vollends außer Frage.

Tatsächlich ist der Schleier mehr als ein individuelles Gewand. Mathias Rohe verweist auf die weltweit voranschreitende Ausbreitung der Totalverhüllung. Stiftungen in Saudi-Arabien finanzieren Stipendien, damit Frauen in Malaysia und anderswo den Nikab anlegen. "Es finden sich immer mehr Religionsgelehrte, die das mit dem Koran begründen." Eine "irrationale Vorstellung von Sexualität" gehe damit einher: Danach sind Mann und Frau so triebgesteuert, dass Kontakte verboten oder kontrolliert werden müssen. Machtansprüche, Selbstradikalisierung und Gruppendruck tragen im islamischen Raum zur Verbreitung solcher Überzeugungen bei.

Es tut mir leid, aber ich kann diesen Äußerungen nicht oder nur teilweise zustimmen. Im Übrigen ist Lobby-Arbeit etwas Selbstverständliches.

Also auch hier, in Europa? Rohe schließt nicht aus, dass die eine oder andere verstörte Migrantin den Schleier überwirft, 

Also, "verstörte Migrantin" will ich jetzt nicht gelesen haben und ich tue so, als hätte ich es nicht gelesen.

weil sie die Freizügigkeit im Westen als Entgrenzung empfindet, dabei aber nicht erkennt, dass es das Individuum selbst ist, das seine eigenen Grenzen zieht. Er empfiehlt, der Einstellung nicht pauschalisierend zu entgegnen, sondern am konkreten Fall zu arbeiten: "Wir kommen zu besseren Resultaten, wenn wir versuchen, die Leute individuell zu überzeugen." Ein Beispiel: die Schule muss sich dafür einsetzen, dass auch ein Mädchen aus muslimischem Elternhaus an einer mehrtägigen Klassenfahrt teilnimmt. Dass manche Lehrer keine Schullandaufenthalte mehr anbieten, um Konflikte zu vermeiden, hält der Islamwissenschaftler und Jurist für falsch.

Solche Konflikte sind anstrengend für alle Beteiligten. Für ein gedeihliches Miteinander ist es unausweichlich, die Debatten durchzustehen: Wo geht es um die Rechte des Einzelnen, die geschützt werden müssen, wo um die Belange der Gemeinschaft? Denn auch deren Gefüge im Zusammenleben braucht Schutz. Entscheiden lässt sich nur von Fall zu Fall. So ist das Schächten als religiöses Gebot für Muslime anerkannt; ein entsprechendes Urteil hat das Verfassungsgericht vor einigen Jahren gefällt. So ist dagegen die Klitorisbeschneidung kein Ritual, sondern erfüllt schlicht den Straftatbestand der Körperverletzung, Gleiches gilt für einschlägige Gesetze der Scharia.

Die wenigen Vollverschleierten bedrohen das Zusammenleben nicht. 

Sie täten es auch dann nicht, wenn es mehr wären als nur "wenige". Das Argument mit der "kleinen Herde" taugt zu nichts, weil sich Recht und Gesetz niemals nach der Zahl von Personen richten darf, die betroffen wäre. Entweder verstößt etwas gegen Recht und Gesetz, dann ist es egal, wie viele Personen das tun, oder es verstößt nicht dagegen.

Aber im konkreten Fall bedroht es auch den allgemeinen Rechtsfrieden, wenn eine Frau unter die Burka gezwungen wird. 

Es bedroht aber auch den allgemeinen Rechtsfrieden, wenn eine Frau gezwungen wird, den Schleier abzulegen. Beide Arten von Zwang sind abzulehnen und als Bedrohung des allgemeinen Rechtsfriedens zu erkennen. 

Im Übrigen wären Frauen, denen verboten wird, sich zu verschleiern, nicht wirklich frei; denn Freiheit setzt die Möglichkeit voraus, sich frei und ohne Zwang für oder gegen etwas zu entscheiden. Ohne diese Wahlmöglichkeit ist die Freiheit als solche nicht gegeben - und das ist mehr als nur eine Spitzfindigkeit.

Wie für alle Mädchen und Frauen in Deutschland gilt für Musliminnen der Artikel 3 des Grundgesetzes. Dass es hier Nachholbedarf gibt, lässt sich nicht bestreiten.

Vor allem aber würde dieser Artikel dann nicht mehr für sich verschleiern wollende Mädchen und Frauen gelten, wenn man die Komplettverschleierung verbietet.

Kommen wir noch einmal zur Überschrift zurück.

Wie viel Verschleierung halten wir aus? Nun, in Anbetracht gerade der Tatsache, daß sich kaum jemand von uns wirklich mit "offenem Visier" und ohne jede Maskierung den Begegnungen mit ansderen Menschen stellt, sollten wir Übung darin haben, die Verschleierung einer Niqaabi auszuhalten. Letztlich verursacht das Tuch keine Probleme; Menschen verursachen Probleme. Die können auf beiden Seiten des Schleiers liegen - aber das Tuch ist neutral.

Wie viel Entschleiderung halten wir aus? Jeder Zwang gegen den Schleier torpediert unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung und hält den Niqaabis grundlegende Rechte vor - sprich die Artikel 2, 3 und 4 unseres Grundgesetzes. Jeder Zwang gegen den Schleier wird die Niqaabis eher in die Isolation führen - und keinesfals in die Integration. Der Nutzuen eines Burkaverbotes ist fraglich - wer gezwungen wird, sich zu verschleiern, wird spätestens durch ein solches verot die Wohnung nicht mehr verlassen dürfen. Wer sich freiwillig verschleiert, wird ein solches Verbot nicht gerade als Einladung zur Integration empfinden, sondern als eine deutliche Ausladung.

Ich fürchte, wir Deutsche halten nicht viel Verschleierung aus. Zu tief sitzt eine hartnäckige Burkophobie. Aber wir müssen - denn die Alternative wird niemandem gefallen, wird niemandem nützen.

Bleibt zum Schluß noch die Frage, wem ein Burkaverbot wirklich nützen würde - außer Politikern, die im rechten und/oder islamophoben Lager ein paar Stimmen gewinnen und über Probleme und mangelnde Lösungen hinwegtäuschen wollen. Und das auf Kosten der Frauen, die hier regelrecht geopfert werden.

Zuletzt aktualisiert am Freitag, den 16. April 2010 um 16:43 Uhr
 

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