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Weil ich es nicht verstehen, nicht nachvollziehen kann, frage ich mich, warum eigentlich so viele Menschen ein Burkaverbot fordern.
"Angst frißt Seele auf", kommt mir da in den Sinn, und der Gedanke an eine Angst, an eine Phobie liegt da natürlich nahe: Eine Burkophobie. Damit ist keine Angststörung gemeint, keine Krankheit wie etwa Platzangst oder die Angst vor Spinnen oder etwas in der Art, sondern eine soziale Phobie, eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wie die Islamophobie, die Homophobie usw. usf.
Soweit es sich um eine soziale Phobie handelt, sitzt der eigentliche Angstauslöser natürlich nicht unter der Burka, ist auch nicht die Burka selbst der Angstauslöser, sondern der Anblick einer komplett verschleierten Frau "triggert" die Angst vor eigenen Persönlichkeitsmerkmalen, die in das Unterbewußte verdrängt worden sind. In diesem Fall ist es die Angst eines um Areligiosität oder zurückhaltende Religiosität bemühten Menschen vor starker Frömmigkeit, vor einem festen, unerschütterlichen Glauben. Evangelikales Christentum, christliche Missionare, Minarette oder eben auch komplett verschleierte Frauen legen unterbewußt einen Schalter um, der zu Evangelikalophobie, Missiophobie, Burkophobie oder Minarettophobie führt - das Unterbewußte tritt regelrecht um sich, es wütet gegen alle jene Menschen, die es mit dem Auslöser in Verbindung bringt, ob nun zu Recht oder auch zu Unrecht. Es handelt sich hierbei um einen Abwehrmechanismus des Unterbewußten, der eine ganze Kette von Schutzreaktionen in Gang setzt, die man etwa bei "Politically Incorrect", "Akte Islam", "Bürgerbewegung Pax Europa" usw. auf islamophober Seite oder bei "Mission Gottesreich" auf evangelikalophober Seite studieren kann.
Anfällig für diese sozialen Phobien sind also Menschen mit unterdrückten, verdrängten Persönlichkeitsmerkmalen, aber das sind wohl nicht alle Befürworter eines Burkaverbotes, wenn auch eine ganze Menge (wir leben halt in einer Zeit religiöser Umbrüche; viele Menschen sind religiös, wissen aber nicht, wohin mit ihren religiösen Empfindungen in dieser postmodernen Welt, in der sie scheinbar fehl am Platz sind).
Ein weiterer Grund für viele Menschen, Burkaverbote zu fordern, liegt meines Erachtens in einem schlechten Gewissen, das von den komplett verschleierten Frauen ausgelöst wird. Nicht jeder Mensch macht bei dem in unserer Gesellschaft verbreiteten Spiel der Geschlechter mit, ohne dabei ein schlechtes gewissen zu haben. Ich will hier nicht ins Detail gehen; dieses Thema ist sehr komplex. Ich will mich auch einer moralischen Bewertung entziehen, was das Miteinander der Geschlechter in unserer Gesellschaft, das oft bis an die Grenzen geht, betrifft. Eine interessante Lektüre, auch wenn sie nicht meine Zustimmung findet, ist der Artikel Die Angst vor der Burka von Bernd Holstiege im Weltexpress.
Es soll an dieser Stelle genügen zu schreiben, daß viele Menschen die Realität zwischenmenschlicher Beziehungen in unserer doch eher freizügigen Gesellschaft zwar mitmachen, aber doch mit schlechtem Gewissen. Komplett verschleierte Frauen allerdings geben dem schlechten Gewissen einen "Tritt". Statt sich dem schlechten Gewissen zu stellen (theologisch denke ich nun an die Fähigkeit, "das Gute und das Böse" erkennen und unterscheiden zu können), versucht man den Auslöser auszuschalten. Das sich Regen des schlechten Gewissens führt zu beleidigten Gefühlen, man fühlt sich gedemütigt.
An diesem Punkt schlage ich dann auch vor, die Komplettverschleierung muslimischer Frauen als einen "Umkehrruf Gottes" zu sehen, als einen Bußruf. Ich glaube, daß Gott durch diese sich verschleiernden, sich dadurch der westlichen Alltäglichkeit zwischenmenschlicher intersexueller Beziehungen entziehenden Frauen, diesem (post-) christlichen Land etwas mitteilen möchte (wobei vielleicht Übertreibungen der Veranschaulichung dienen und nicht unbedingt zur Nachahmung empfohlen sind).
Auf diesen "Umkehrruf Gottes" reagieren natürlich viele Menschen mit einer starken Abwehrhaltung, sie sind, frommdeutsch gesprochen, "unbußfertig". Geprügelt wird der Überbringer der Botschaft, die zur Umkehr ruft - die komplett verschleierte Frau.
Drei Gründe sehe ich also, die so viele Menschen nach Burkaverboten rufen lassen: Eigene unterdrückte Persönlichkeitsmerkmale, ein schlechtes Gewissen, ein Umkehrruf Gottes.
Natürlich "maskiert" man diese Gründe mit Argumenten wie "es verletzt die Menschenrechte", "es demontiert die Gleichberechtigung", "es ist ein politisches und kein religiöses Symbol" usw., ja, man verschleiert sie regelrecht. Hier wäre dann wirklich ein "Burkaverbot" angebracht: Weg mit maskierenden Argumenten, die wahren Gründe freilegen, auch wenn es wehtut, wenn es uns beunruhigt.
Ich habe die normalerweise genannten Gründe an anderen Stellen ausführlich behandelt und zu entkräften versucht, damit wir den Raum haben, uns den wirklichen Gründen zuzuwenden, die uns geradezu panisch aktiv werden lassen, angesichts von vielleicht vier oder fünf Tausend komplett verschleierten Frauen in diesem Land (0,01 % aller Frauen in diesem Land, das heißt, eine von zehn Tausend Frauen) eine völlig unangebrachte Panik, die sich nur damit erklären läßt, daß die Ursachen der Abwehrreaktion eben in unserem Innern verborgen sind und die normalerweise genannten Argumente lediglich verschleiernde Funktion haben.
Denn wären die Argumente echt und dienten nicht bloß der Verschleierung wahrer Beweggründe, würde man sich ja erstens um diejenigen Personen kümmern, die wirklich die genannten Probleme haben - und davon gibt es mehr als genug -, und man würde zweitens nach Maßnahmen suchen, die erfolgversprechend wären, man würde sich um die Konsequenzen Gedanken machen und nicht gerade das fordern, was die tatsächliche oder vermeintliche Lebenswirklichkeit komplett verschleierter Frauen noch drastisch verschlimmern würde.
Enthüllen wir also unsere wahren Beweggründe, Burkaverbote zu fordern, setzen wir uns mit verdrängten, unterdrückten Motiven auseinander, auch wenn es hier und da sehr beunruhigen könnte.
Haben wir das getan, haben wir hier die Schleier von unseren Ängsten entfernt, kann man schauen, was von den Argumenten wie "Politik statt Religion", "Kommunikation erfordert offene Gesichter", "der Schleier macht die Unverhüllten zu Freiwild" usw. bleibt, wie man damit sachlich umgehen kann, ohne daß immer unterdrückte Ängste mitschwingen und jede Diskussion verunsachlichen.
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