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Unberechenbar wird Religion, wenn sie ins Getto gedrängt wird PDF Drucken E-Mail
Burkaverbot - Blog
Geschrieben von: Michael Molthagen   
Freitag, den 29. Juli 2011 um 11:43 Uhr

Der im Titel zitierte Satz ist ein Ausschnitt aus dem Artikel  Du sollst nicht töten in der Wochezeitung "Christ & Welt".

Der Verfasser weist darauf hin, daß der Anders Behring Breivik, der in Norwegen fast 80 Menschen ermordete, "seine Ideologie mit Versatzstücken aus der Sprache des Christentums zusammenbraute".

Weiter heißt es dann: "Es gibt Strömungen in der Moderne, die aus solchen Phänomenen ableiten, Religion sei per se anfällig für Gewalt und eine Gesellschaft daher erst frei, wenn sie den Glauben in die private Sphäre zurückdränge. Doch dieser Schluss ist falsch. Unberechenbar wird Religion am ehesten, wenn sie ins Getto gedrängt wird. Glaube und Gesellschaft brauchen einander. Denn Religionen sind die wichtigsten Überzeugungsträger und Wertstifter aller Gesellschaften. Und sie selbst brauchen den Austausch mit ihrer Umwelt, auch das Korrektiv eines offenen Dialogs."

Ich kann nicht jedem dieser Sätze zustimmen. Hinter "Religionen sind die wichtigsten Überzeugungsträger und Wertstifter aller Gesellschaften" würde ich durchaus ein dickes Fragezeichen setzen, doch möglicherweise verstehe ich den Satz auch anders als der Verfasser.

Doch wenn er schreibt, daß Religion am ehesten unberechenbar wird, "wenn sie ins Getto gedrängt wird", dann kann ich das nur unterschreiben. Atheisten glauben manchmal, Religion müsse aus der Öffentlichkeit verbannt werden, damit sie ihre "Gefährlichkeit" verliere. Den Beweis für diesen Glauben bleiben sie freilich schuldig. In die Verbannung geschickt, wird eine Religion nicht zwangsläufig unberechenbar, fundamentalistisch radikal oder gar gewalttätig werden. Aber es läßt sich leicht nachvollziehen, daß die Gefahren einer solchen Entwicklung zunehmen, wenn eine Religion ins Getto gedrängt wird.

Ich vermag nicht mit Bestimmtheit zu sagen, ob Glaube und Gesellschaft einander brauchen, gleichwohl sie nicht voneinander zu trennen sind. Gesellschaft hat wohl immer ein religiöses Element, und Religion hat sicherlich stets eine gesellschaftliche Perspektive. Wer "Religion" definieren will und sich dabei nur auf Fragen der Metaphysik beschränkt, wird zu keiner befriedigenden Definition gelangen - wer Religion definieren und verstehen will, muß auch Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Sicherheit, Sexualität und Moral miteinbeziehen.

Auf jeden Fall, und in dieser Hinsicht ist dem Verfasser vorbehaltlos zuzustimmen, braucht Religion den Austausch mit ihrer Umwelt, braucht sie einen offenen Dialog und diesen auch als Korrektiv. Ich würde noch weiter gehen: Religion braucht es, daß sie in ihre Umwelt so eingebettet ist, daß man einander hilft, voneinander lernt und miteinander feiert. Das gilt gerade in multireligiösen und multikulturellen Gesellschaften.

Wer nun Muslime im Allgemeinen oder auch Kopftuchträgerinnen und verschleierte Frauen ins Getto drängen will, was bei Letzteren gerade auch durch Verbote geschieht, der wird tatsächlich am ehesten erreichen, daß sie im Hinblick auf ihre Religiosität, ihre Politik, ihr soziales und wirtschaftliches Verhalten, ihr Interesse an Sicherheitsfragen, ihren Blick auf die Sexualität des Menschen und ihrer Moral unberechenbar werden. Das ist je und je eine menschliche Reaktion, keine religiöse bzw. islamische.

Menschen sind von Natur aus religiös, und von Natur aus wollen sie als religiöse Wesen an der Gemeinschaft teilhaben, wollen sie sich als religiöse Menschen in die Gesellschaft einbringen. Verdrängt man sie aus der Gemeinschaft, wird die menschliche Natur in ihren Reaktionen unberechenbar sein.

Das gilt nicht nur für Muslime und muslimische Frauen, sondern für alle Menschen. Dieses Verhalten im Falle der Verdrängung ins Getto ist in unsere Gene geschrieben, es ist Teil der Evolution des Lebens. Da im Verlaufe der Gesischichte des Herdentieres Mensch immer wieder Individuen exkommuniziert wurden, hat sich die Unberechenbarkeit als die beste Strategie zu ihrem Überleben erwiesen - aber sie ist nicht gerade die Methode der Sanftmütigen und der Friedfertigen.

Besser ist es naheliegenderweise, daß wir verhindern, daß Individuen ins Getto gedrängt werden, daß wir den Dialog suchen und das Miteinander fördern. Kopftuch- und Burkaverbote führen dazu, daß die betroffenen Frauen ins Getto bedrängt werden, die Gefahr nimmt zu, daß sie samt ihrer Angehörigen unberechenbar werden.

Dialog auf Augenhöhe ist in diesem Falle die einzige Alternative. Das beginnt damit, daß man nicht über die Kopftuch tragenden bzw. verschleierten Frauen spricht, sondern mt ihnen. Das beinhaltet, daß man dort, wo Frauen erklären, daß sie den Schleier freiwillig tragen, nicht eine "Gehirnwäsche" voraussetzt.

Natürlich ist Dialog keine Einbahnstraße - damit er gelingt, müssen beide Seiten ohne Vorbedingungen und ohne Vorurteile bereit sein, daß man miteinander spricht. Und man muß bereit sein, Kritik nicht nur sachlich zu äußern, sondern auch sachlich zu hören.

Im Hinblick auf das Burkaverbot sei zum Schluß noch deutlich gesagt, daß ein solches Verbot nicht nur die verschleierten Frauen ausgrenzt, stigmatisiert und ins Getto drängt, auch nicht nur die Angehörigen dieser Frauen - sondern alle Muslime stigmatisiert, alle religiösen Menschen stigmatisiert. Das Burkaverbot ist wie ein Stein, der in das Wasser fällt und dann weite Kreise zieht. Ein Verbot in Frankreich betrifft nur nur ein paar tausend und eines in Belgien ein paar hundert Frauen. Wer einmal beginnt, andere ins Getto zu drängen, der wird kaum ein Ende finden.

Heute sind es verschleierte Muslimas, doch ihnen folgen bald andere Personen - und die Folge ist nicht nur Ungerechtigkeit, sondern auch eine zunehmende Unberechenbarkeit unter den Menschen.

 

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