In einem anderen Beitrag habe ich kürzlich gefragt, ob ein Burkaverbot für Schülerinnen zulässig ist - hier nun geht es um die Frage, ob es sinnvoll ist, wenn etwa Niedersachsen Schülerinnen das Tragen des Nikab per Schulgesetz verbieten und ihnen im Falle der Zuwiderhandlung mit einem Schulverweis droht. 

Wann wäre ein Burkaverbot für Schülerinnen sinnvoll?

Sinnvoll wäre ein Burkaverbot für Schülerinnen, wenn der Nikab sie nachweislich daran hindert, den Unterrichtsstoff zu beherrschen und am Unterrichtsleben teilzunehmen. Letzteres läge aber eher an den MitschülerInnen und an den Lehrkräften. 

Sinnvoll wäre ein Burkaverbot allerdings nur, wenn sichergestellt ist, dass das Verbot keine negativen Folgen für die Schülerin nach sich zieht. 

Wie sinnvoll wäre ein solches Verbot?

Der Nikab verhindert Kommunikation nicht, behindert sie auch nur in sehr geringem Maße.

Es ist bekannt, dass wir Europäer uns sehr stark auf die Mimik des Mundbereiches konzentrieren, weniger stark auf die nonverbale Kommunikation der Augen. Dennoch können wir auch mit Personen aus dem ostasiatischen Kulturkreis kommunizieren, deren Mimik sich auch weit mehr auf die Augen und sehr viel weniger auf den Mundbereich konzentriert. Die Mimik des Mundbereich spielt für uns eine Rolle, wenn es etwa um Sympathie geht, außerdem brauchen wir den Blick auf den Mundbereich, wenn wir in uns fremden Sprachen ähnlich klingende Silben unterscheiden wollen (insbesondere beim Erlernen von Fremdsprachen). 

Ohne die Mimik des Mundbereiches erscheint uns Europäern ein Gesicht ausdruckslos oder sogar gefühllos. 

Auch manche von uns Europäern haben nur eine schwach ausgeprägte Mimik im Mundbereich; als Asperger-Autist, der für die Sprache der Mimik taub und stumm ist, gehöre ich zu diesen Menschen. Was die Mimik betrifft, trage ich für die meisten Mitmenschen gewissermaßen einen unsichtbaren Schleier (der mich gelegentlich unfreundlich erscheinen lässt). Ich kommuniziere hauptsächlich verbal, also über die Laut- oder Schriftsprache - sowohl aktiv (Sender) als auch passiv (Empfänger). Dennoch habe ich meine Schulausbildung erfolgreich abgeschlossen, obwohl ich gewissermaßen meine ganze Schulzeit über diesen unsichtbaren Nikab getragen habe. 

Ein Verbot des Nikab ist also aus meiner Perspektive nicht erforderlich, damit eine Schülerin am Unterrichtsleben teilnehmen kann. Damit ist es auch nicht wirklich sinnvoll. 

Ich denke aber, dass es sinnvoll ist, wenn ihre Augen sichtbar sind. Ich würde darum einem Verbot zustimmen können, die Augen zu verhüllen. 

Schauen wir noch einmal auf die Gemeinschaft. Die Schülerin trägt ihren Nikab nicht ständig. Ist sie allein mit ihren Mitschülerinnen oder Freundinnen zusammen, wird sie für gewöhnlich ihren Nikab ablegen (es sei denn, sie hätte Angst, dass eines der Mädchen einem Jungen verrät, wie sie unter ihrem Schleier aussieht). Es ist also nicht so, dass sie nie ohne Nikab zu sehen wäre - allerdings wäre die Sichtbarkeit ihres Gesichts auf Mitschülerinnen und Lehrerinnen beschränkt.

Ein oft angesprochenes Thema ist die Feststellung der Identität. Ich kenne keine Schülerin, die nicht ihren Schleier kurz lüften würde, damit eine Lehrkraft - vorzugsweise eine weibliche Lehrkraft - ihre Identität feststellen kann. Allerdings denke ich, dass eine Lehrkraft ihre Schüler auch an Stimme, Körperhaltung, Bewegungen usw. erkennt, wenn sie diese regelmäßig unterrichtet. 

Warum halten manche Muslimas einen Nikab für sinnvoll?

Vorweg sei darauf hingewiesen: Auch wenn der Nikab nicht im Koran erwähnt wird (so wenig wie Kindertaufe, Kirchenglocken, Kirchtürme, Kreuze an Halsketten oder an Wänden, Kruzifixe usw. usf. in der Bibel), so gehört er doch unzweifelhaft zum Islam. Die vier traditionellen Rechtsschulen des sunnitischen Islam erachten die Verschleierung des Gesichts einer Frau als Sunna (empfehlenswert) oder Mustaḥabb (wünschenswert), unter bestimmten Bedingungen auch als Farḍ (Pflicht). 

Viele der Mädchen, die Nikab tragen, tun dies nicht, weil es in ihren Familien üblich wäre oder ihre Eltern sie dazu zwingen würden. Viele stammen aus Familien, in denen die Frauen keinen Nikab tragen, oder es handelt sich um nichtmuslimische Mädchen, die zum Islam konvertiert sind (schätzungsweise jede dritte Frau, die Nikab trägt). Sie tragen den Nikab selbstbestimmt, als Teil ihrer Religionsausübung. 

Selbst die Mädchen aus Familien, in denen Frauen den Nikab tragen, haben meist nahe Verwandte, die keinen Nikab tragen. In vielen dieser Familien leben Nikab-Trägerinnen und solche Frauen, die keinen Nikab tragen, meist harmonisch zusammen. 

Es gibt viele Gründe, aus denen Mädchen und Frauen Nikab tragen.

Ein klassischer Grund ist, dass sie Gott durch ihr frommes Verhalten ehren wollen. So wie sie keinen Alkohol trinken und kein Schweinefleisch konsumieren, um Gott durch ihr Verhalten zu ehren, tragen sie Hidschab und Nikab, geben oft auch Männern nicht die Hand, vermeiden den Blickkontakt mit Männern, vermeiden natürlich auch intime Kontakte.

Eine strikte Geschlechtertrennung ist ihnen häufig wichtig; Hidschab und Nikab sind für sie so etwas wie Leitplanken, die ein Zusammenkommen von Jungen und Mädchen ermöglichen, das anderenfalls nicht möglich wäre.

Geht es um das Miteinander von Jungen und Mädchen, so soll der Schleier beispielsweise ausdrücken: „Ich bin nicht an Flirts interessiert, ich warte auf den Mann, der von seiner Religion her zu mir passt“. 

Was geschieht aber, wenn die Mädchen überredet oder gezwungen werden, den Nikab abzulegen? Sie werden dann eher nicht ihre Grundeinstellungen ändern, aus denen der Nikab erwächst. Sie werden das Fehlen des Nikab wahrscheinlich durch andere Verhaltensweisen kompensieren, werden sich abkoppeln, zurückziehen. Manche werden sich radikalisieren, womöglich in ein islamisches Land fliehen wollen. 

Der Nikab steht nicht für sich allein, er ist Teil eines „Paketes“. Es ist wichtig, das zu begreifen und das Ganze im Blick zu haben. Wer den Nikab sieht, sieht gewissermaßen einen Baum, dessen Wurzeln verborgen sind. 

Es gibt auch Berichte, dass Mädchen, die den Nikab gegen ihren Willen abgelegt haben oder sogar dazu gezwungen worden sind, depressiv geworden sind. Einige fühlen sich ohne ihren Nikab „nackt“ und kommen damit nicht gut zurecht. Denkbar ist, dass ein Mädchen suizidgefährdet ist, wenn sie gezwungen wird, sich zu entschleiern. 

Warum ist ein Burkaverbot für Schülerinnen nicht sinnvoll?

Das Burkaverbot ist für Schülerinnen nicht sinnvoll, denn kaum eines der Mädchen wird einfach nur den Nikab ablegen und dann weitermachen, als sei nichts geschehen. Wenn sie überredet oder gezwungen wird, den Nikab abzulegen, macht das etwas mit ihr.

Wer eine Schülerin zwingt, den Nikab abzulegen, muss damit rechnen, dass es Schwierigkeiten gibt. Es ist eben nicht nur ein einfaches Kleidungsstück - der Nikab ist mit der Persönlichkeit des Mädchens verknüpft, in ihren religiösen Überzeugungen verwurzelt.

Es mag das eine oder andere Mädchen geben, das zur Verschleierung gezwungen wird. Für diese Mädchen ist das Burkaverbot nicht sinnvoll, denn sie müssen im Falle eines Burkaverbotes damit rechnen, dass sie von der Schule genommen werden, das Haus nicht mehr alleine verlassen dürfen, möglicherweise ins Ausland geschickt werden. Das Verbot wird für sie also auch keine Hilfe sein, sondern ihnen jeden Freiraum nehmen, den sie dank Nikab möglicherweise noch hatten. 

Nicht sinnvoll ist ein Burkaverbot für Schülerinnen darüber hinaus, weil es den betroffenen Mädchen und jungen Frauen jeden Zugang zur Bildung nimmt und ihren Zugang zu einem weiteren Kreis von Gleichaltrigen einschränken würde. Dies gilt insbesondere, wenn - wie in Niedersachsen geplant - Nikab-Trägerinnen mit einem Schulverweis bestraft werden sollen. Sie hätten dann keine Möglichkeit, einen Beruf zu erlernen, ein Studium zu ergreifen. 

Nicht sinnvoll ist ein Burkaverbot für Schülerinnen zudem, weil es eher dazu führen würde, dass sie sich ausgegrenzt fühlen und sich aus der Gesellschaft zurückziehen. Es besteht die Gefahr, dass sie sich radikalisieren, als Märtyrerinnen für ihre Religion sehen und schlechte Entscheidungen treffen.

Es ist unbedingt sinnvoll, Nikab-Trägerinnen den Schulunterricht und den Schulabschluss zu ermöglichen, auch den Berufsschulunterricht, das Studium usw. 

Die Vorteile überwiegen etwaige Nachteile bei weitem. Ein Burkaverbot für Schülerinnen ist nicht sinnvoll, weil es niemandem hilft, weil niemand einen Vorteil davon hätte. Es fördert nicht die Integration der Schülerinnen, sondern eher ihre Abwendung, ihre innere Auswanderung. 

Hinzu kommt, dass ein Burkaverbot für Schülerinnen nicht sinnvoll ist, weil es nur wenige Schülerinnen betrifft. Die meisten Frauen legen ihre Nikab erst an, wenn sie älter sind - mit der Hochzeit, nach der Geburt des ersten Kindes. Es sind in jedem Schuljahr wohl weniger als eine Handvoll junge Frauen meist ab 14 Jahren, die während des Unterrichtes Nikab tragen wollen. Ein gesetzliches Verbot ist unverhältnismäßig. 

Fazit

Es ist meine Überzeugung, dass ein Burkaverbot für Schülerinnen nicht sinnvoll ist - im Gegenteil, es bringt mehr Nachteile mit sich als Vorteile. Der Zugang zur Bildung muss eine größere Rolle spielen als die Durchsetzung einer vermeintlichen „Leitkultur“, nach der man angeblich das Gesicht herzuzeigen habe. 

Ein Burkaverbot für Schülerinnen mag manchen Applaus mit sich bringen, gerade auch von rechter und ganz rechter Seite, aber es hilft niemandem. Es schadet einigen wenigen Mädchen - und das wohl meist in erheblichem Maße -, ohne dass irgendwer einen Vorteil hätte.